Das „Soli-Sympi-Seminar“ oder

die Erprobung von Verhaltensweisen weltweiter Solidarität

Wolfgang Burggraf

Das „Soli-Sympi-Seminar“ oder die Erprobung
von Verhaltensweisen weltweiter Solidarität

1 Was meint „Soli-Sympi“?

Seit 1991 bieten die Missionszentrale der Franziskaner (MZF) und das Franziskanische Bildungswerk (FBW) ein dreitägiges Seminar an, das für die Trägerorganisationen des Projekts Dialog lernen zum festen und unverzichtbaren Bestandteil ihrer interkulturellen Bewußtseinsarbeit geworden ist. Die vielen Versuche, das Wortspiel im Titel „Soli-Sympi“ durch einen eindeutigen Begriff zu ersetzen, haben bisher nicht befriedigt. „Solidarität und Sympathie“, „Solidaritäts-Sympathisantenkreis“ oder „erst solidarisch, dann sympathisch“, all das wären zulässige, aber eben nicht vollständige Interpretationen. So läßt „Soli-Sympi“ für die Leser/-innen bewußt offen, ob eher der inhaltliche Aspekt (Soli), der Gruppen- und Beziehungsaspekt (Sympi), die Reflexion individueller Dritt-Welt-Erfahrung oder die Frage nach dem Wie politischer Veränderung im Vordergrund steht.

2 Das Anliegen des Seminars: kompetentes Engagement

Das Soli-Sympi-Seminar bietet die MZF/das FBW mit dem Ziel an, Menschen mit politischer und/oder Auslandserfahrung, die sich für weltweite Gerechtigkeit einsetzen, zu befähigen, ihr Engagement gesellschaftlich effektiv und relevant zu gestalten. Solidaritätsarbeit geschieht zumeist in Gruppen, die sich lokal oder regional regelmäßig treffen und sich durch einen Inhalt (z.B. Menschenrechte) oder ein Partnerland (z.B. Brasilien) definieren. Einzeln aktive Personen, die sich keiner Gruppe angeschlossen haben, äußern häufig den Wunsch, Gleichgesinnte zu finden, mit denen sie sich austauschen können bzw. in deren Gemeinschaft sie sich stärker fühlen. „Gruppe“ ist also eine Größe, die im Zusammenhang mit Solidaritätsarbeit bestimmte Funktionen hat, ohne die die gesamte „Soli-Szene“ nicht denkbar wäre. Das Anliegen des Seminars ist es nun, die einzelnen Menschen in ihren Gruppen für Solidaritätsarbeit kompetenter zu machen, ein Verständnis dafür zu vermitteln, aus welchem „Stoff“ Gruppen und im besonderen Solidaritätsgruppen sind.

3 Angefragt: die Erfahrungen in der Solidaritätsarbeit

Die besondere Methodik des Seminars, die weiter unten ausführlich beschrieben wird, ermöglicht innerhalb des dreitägigen Soli-Sympi-Seminars, die Realität der Soli-Szene reflektierend abzubilden. So sind die Fragestellungen des Seminars auch immer die Fragen der Soli-Szene „draußen“:

– Was bedeuten die Erfahrungen, die wir zum Beispiel in Lateinamerika gemacht haben, für unser politisches Engagement hier?

– Wie gehen wir mit Ohnmacht um, die Engagierte gegenüber der Gesellschaft und dem Wirtschaftssystem empfinden?

– Wie kommen wir aus der Vereinzelung heraus zu einer Vernetzung und Koordination von Aktivitäten im Soli-Gruppen-Bereich?

– Wie gewinnen wir andere für unsere Ziele und wie können wir die Basis der Bewegung verbreitern?

Grundsätzlich geht es im Soli-Sympi-Seminar um die Integration von politischem Lernen und einer Reflexion der individuellen Bewußtseinsebene. Subjektkompetenz meint die Fähigkeit, sich der eigenen Person innerhalb der Solidaritätsbewegung bewußt zu sein und Schritte zur Persönlichkeitsentwicklung einleiten zu können. Dazu gehört auch das Aufdecken und Verstehen unbewußter Themen (wie zum Beispiel der Wunsch nach Anerkennung oder Verteilung von Macht), die die Interaktionsprozesse beeinflussen. Das Erkennen von Mustern (etwa im Umgang mit Autoritäten oder das Verhalten in Konkurrenzsituationen) verhilft zu einer vertiefenden Auseinandersetzung mit dem politischen Engagement und zu einer Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten.

4 Die Zielgruppe: Menschen, die sich gesellschafts- und kirchenpolitisch engagieren

Mit diesem Seminar wendet sich die MZF/das FBW an Personen, die ihr vorhandenes gesellschafts- oder kirchenpolitisches Engagement für weltweite Gerechtigkeit unter Berücksichtigung politischen und persönlichen Lernens fortentwickeln wollen. Kennzeichnend für die Seminare war immer eine sehr vielfältige Zielgruppe. Die Teilnehmenden kamen aus folgenden Gruppen und Milieus:

– Voluntär/-innen, die zum Beispiel nach dem Abitur für ein Jahr in einem Land der Dritten Welt gearbeitet hatten;

– Mitglieder von MEF (Mission-Entwicklung-Frieden)-Ausschüssen von Pfarrgemeinderäten;

– Mitarbeiter/-innen von Eine Welt-Läden;

– im Nord-Süd-Bereich engagierte Gewerkschafter/-innen;

– Mitglieder von sich selbst als „Widerstand“ bezeichnenden links-autonomen Gruppen;

– engagierte Einzelpersonen mit zum Teil langjährigem Aufenthalt in Dritte-Welt-Ländern;

– Vertreter/-innen von Kampagnen wie zum Beispiel „Rüstungsexporte stoppen“;

– Mitglieder von Menschenrechtsgruppen.

Im Laufe von sechs Jahren „Soli-Sympi“ ist zu beobachten, daß die Gruppe der sogenannten „Rückkehrer/-innen“ im Vergleich zur Gruppe der gesellschaftspolitisch Engagierten immer kleiner wurde. Dennoch gilt für alle Seminare bisher, daß es immer wieder zu Begegnungen zwischen Vertreter/-innen verschiedener Milieus innerhalb der Soli-Szene kam, die „drau­ßen“ in der Praxis nicht stattfanden.

5 Die Seminarstruktur: Abbild- und Auszeitphasen

Das Soli-Sympi ist ein dreitägiges Seminar, das bewußt über den Rahmen eines Wochenendseminars hinausgeht. Es beginnt jeweils freitags mit dem Mittagessen und endet sonntags um 15 Uhr. Zehn Arbeitseinheiten von jeweils 90 Minuten bilden den zeitlichen Rahmen. Die erste Arbeitseinheit dient dem differenzierten Kennenlernen und der Vorstellung des Seminarkonzeptes, die letzte bleibt der intensiven Auswertung, der „Interpretation“ des Seminarprozesses und der Seminarkritik vorbehalten. Von den verbleibenden acht Arbeitseinheiten sind in der Regel fünf sogenannte „Abbild“-Einheiten im Plenum und drei „Auszeit“-Reflexionen in Halbgruppen, wobei die genaue Abfolge von „Abbild-“ und „Auszeitphasen“ vom Seminarprozeß abhängt. Es handelt sich hierbei um einen Prozeß, in dem das Leitungsteam (in Rücksprache mit den Teilnehmer/-innen) entscheiden muß, wann die Fortführung des Prozesses und wann Reflexionen sinnvoll und notwendig sind. Ziel ist, eine für alle angemessene Gruppen- und Lernsituation zu schaffen.

Da praktisches Erleben sich nur schwer im reinen Gespräch erreichen läßt, werden in den Abbildphasen mit Hilfe einiger methodischer Elemente aus dem Bereich des Planspiels Prozesse in Gang gesetzt, in denen die Teilnehmer/-innen miteinander „Soli-Szene“ und deren spezifische Strukturen, Verhaltensmuster und Problemstellungen abbilden. Dabei begnügt sich das Leitungsteam mit einigen wenigen „Spielanweisungen“, die den Anstoß geben; alles andere hängt ganz wesentlich von dem ab, was die Teilnehmer/-innen vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen miteinander ins Spiel bringen. Diese Erfahrungen bilden den Horizont, vor dem die Teilnehmer/-innen „Soli-Arbeit“ rekonstruieren. Man kann damit sagen, in den Abbildphasen des Seminars wird das für die Teilnehmer/-innen aktuelle Spektrum der Soli-Szenen-Realität ‘draußen’ abgebildet.

Die in den Abbildphasen stattfindenden Prozesse werden im Laufe des Seminars mehrfach unterbrochen: In Auszeiten haben die Teilnehmer/-in­nen die Möglichkeit, die Entwicklungen in der Abbildphase gemeinsam zu reflektieren und - man könnte fast sagen: von außerhalb - anzuschauen. In Kleingruppen besteht für jede/n Teilnehmer/-in die Möglichkeit, mit Unterstützung des Leitungsteams und im Dialog mit den anderen Teilnehmern/-innen das soeben Erfahrene zu reflektieren, also Bekanntem auf die Spur zu kommen oder Neues zu entdecken. Weil in diesem Zusammenhang das rekonstruierte Abbild im offenen Gespräch auf seine Plausibilitäten überprüft wird, kommt hier nicht nur persönliches Erleben, sondern auch gesellschaftliche Wirklichkeit zur Sprache. Vieles von dem im ‘hier und jetzt’ Erlebten erkennen die Teilnehmer/-innen im Alltag wieder. So haben die Auszeiten die Aufgabe, durch die Reflexion des konkreten Handelns standardisierte und mithin oft unbewußte Handlungsmuster und „Weltbilder“ aufzudecken und in den Bereich des Besprechbaren zu holen, um so die Wahrnehmung von Problemen zu erweitern und Voraussetzungen für Veränderungen zu schaffen. Die in den Abbildeinheiten erlebten Entscheidungsabläufe, die formellen und informellen Strukturen, Machtverhältnisse und Rollenwidersprüche bieten dazu genügend Material.

6 Konkret: die zehn Seminar-Einheiten

Im folgenden soll zur Verdeutlichung der Methodik und der bearbeiteten Themen die Struktur und der Verlauf eines Soli-Sympi-Seminars nachgezeichnet werden. Es geht darum, beispielhaft einige Facetten und Schlüsselsituationen auf- und nachzuzeichnen und sie in den zeitlichen Ablauf eines Seminars einzuordnen. Wichtig ist dabei, daß Schlüsselsituationen und -themen, die für den weiteren Verlauf des Seminars auf der Ebene der Abbildproduktion entscheidend und folgenreich sind, aus dem Bereich des „Unbewußten“ (Verhaltensmuster, Wertehierarchien) oder des „Tabuisier­ten“ (Machtgefälle, Konflikte) in den „Auszeitphasen“ besprechbar und damit für das weitere Agieren der Teilnehmer/-innen verwendbar gemacht werden. Da Schlüsselsituationen und -themen von Teilnehmern/-innen aus dem Bereich der Soli-Gruppen produziert werden, kann man davon ausgehen, daß das im Seminar Thematisierte einen Querschnitt jener Probleme wiedergibt, mit denen sich Soli-Gruppen in ihrem Alltag „herumschlagen“.

Wie schon gesagt beginnt das Soli-Sympi-Seminar in der Regel am Freitag mit dem Mittagessen. Im Anschluß daran folgt die erste Arbeits­einheit, die Phase der Konzeptvorstellung und des Kennenlernens der Teilnehmer/-innen. Wichtiges Ziel des Kennenlernens soll sein, daß die Teilnehmer/-innen genügend „Kenntnis“ von den anderen erlangen, um in der zweiten Arbeitseinheit in einem selbstorganisierenden Prozeß Kleingruppen bilden zu können. Entsprechend lautet der vom Leitungsteam formulierte Arbeitsauftrag am Anfang der zweiten Arbeitseinheit:

In diesem Seminar wird es darum gehen, ein Abbild von der Wirklichkeit von Dritte-Welt- und Soli-Gruppen zu entwickeln. Weil die Realität sehr stark von sich selbstorganisierenden Gruppen in der einen oder anderen Form bestimmt ist, lautet der Auftrag für Euch zunächst, Gruppen: zu bilden. Es sollen vier Gruppen sein, von denen keine kleiner als vier Personen ist. In diesen Gruppen werdet Ihr auf der Ebene des Abbildes im weiteren Verlauf des Seminars zusammenbleiben. Wenn Ihr - wie in der Realität selbstorganisiert - Gruppen gebildet habt, lautet die weitergehende Aufgabe: Verständigt Euch über Euer Selbstverständnis als Gruppe. Wer seid Ihr? Was für eine Gruppe seid Ihr? Welche Ziele verfolgt Ihr?

Vom Seminarrahmen ist vorgegeben, daß Ihr auch nach der Gruppenbildung im Seminarraum bleibt, jede Gruppe sich also hier im Raum ihren Platz sucht. Wir als Leitungsteam werden uns ab jetzt stark zurücknehmen, das heißt, wir übernehmen vor allem eine beobachtende und beratende Rolle und mischen uns nur ein, wenn es uns notwendig erscheint. Ab jetzt bestimmt also vor allen Dingen Ihr, was auf der Bühne des Abbildes der Soli-Szene gespielt wird.

Die dritte Arbeitseinheit ist dann in der Regel die erste Auszeit, in der die Teilnehmer/-innen sowohl die Erlebnisse während der Phase des Kennenlernens als auch die Ereignisse bei der Gruppenbildung thematisieren und analysieren können. Für diese Auszeit teilen sich die Teilnehmer/-innen in zwei Halbgruppen auf; es entstehen also in der Regel aus jeweils zwei Kleingruppen der Abbildphase eine Halbgruppe für die Auszeit. Jede dieser Halbgruppen wird von zwei Mitgliedern des Leitungsteams moderiert und begleitet. Jede/r Teilnehmer/-in hat seine/ihre subjektive Wahrnehmung der Ereignisse. Diese unterschiedlichen Interpretationen miteinander ins Gespräch zu bringen, ist Ziel der Auszeit. Die Besprechung der Ereignisse, ihrer Ursachen, Mechanismen und Hintergründe und deren strukturelle Verknüpfung mit der Realität des Soli-Gruppen-Alltags bietet die Möglichkeit, das im Alltag unausgesprochene, hingenommene, verdrängte und einfach akzeptierte zu thematisieren.

Um einen kleinen Einblick in eine solche erste Auszeit zu geben, soll hier beispielhaft auf der Basis eines Gedächtnisprotokolls eine Zusammenfassung einer solchen Auszeit dargestellt werden:

Die erste Auszeit wurde von der Reflexion des Gruppenbildungsprozesses dominiert. Ein Thema unter anderen war dabei ein Konflikt, zu dem es zwischen einem Teilnehmer A. (ca. 23 J.) und einer Teilnehmerin B. (ca. 55 J.) während der Gruppeneinteilung gekommen war: Als es um das Kriterium ging, welches der Gruppeneinteilung zugrundegelegt werden sollte (Sympathie, inhaltliche Interessen oder einfach nur abzählen), hatten beide unterschiedliche Positionen vertreten. Er favorisierte das Kriterium „inhaltliches Interesse“ und deshalb zunächst ein weiteres Kennenlernen auf dieser Ebene, sie dagegen wollte auf keinen Fall das Sympathiekriterium, weil sie „mit allen gut könne“. Deshalb könne man auch ihrer Meinung nach genauso gut abzählen. Gleichzeitig aber deutete B. an, daß sie sich „auch gut vorstellen könne, mit A. zusammen in einer Gruppe zu sein, weil er so erfrischend offen und direkt“ sei. Dies wurde von A. durch ein eher abweisendes Lachen quittiert.

Im Rahmen der Gruppenbildung gerieten beide noch einmal aneinander. Als beide sich einer Gruppe zuordneten, wandte sich A. direkt an B., indem er auf eine andere Gruppe wies, und sagte, daß das doch wohl die richtigere Gruppe für B. sei. Daraufhin drehte sich B. um und ging wie befohlen zur anderen Gruppe.

Dieser Konflikt wurde nun in der Auszeit nicht nur auf der Ebene der beiden beteiligten Personen bearbeitet, sondern auf der Ebene des Abbildes: Inwieweit ist der Konflikt und die Verhaltensweisen typisch oder untypisch für die Alltagsrealität von Dritte-Welt-Gruppen? Dabei wurde deutlich, daß in den Dritte-Welt-Gruppen eher die Tendenz vorherrscht, Konflikte zu vermeiden oder herunterzuspielen als sie zu benennen und auszutragen. In diesem Sinne war die Reaktion von A., der sich durch die Annäherung von B. in seinen Gestaltungsfreiräumen beengt glaubte, eher ungewöhnlich, weil konfliktaufdeckend. Als Grund für die Schroffheit seines Agierens führte A. an, ihn habe B. schon in der Kennenlernrunde „genervt“, da sie seiner Ansicht nach zu viele Redeanteile „an sich gerissen“ habe. Gleichzeitig wurde in der Reaktion B., wortlos wegzugehen, von den Teilnehmern/-innen ein eher typisches Verhalten entdeckt. Konflikten innerhalb von Gruppen gehe man eher aus dem Weg, damit um der Sache willen der Zusammenhalt und die Arbeitsfähigkeit der Gruppe nicht gefährdet wird. Im weiteren Verlauf ging es dann auch um die Erfahrungen mit solchen Konfliktvermeidungsstrategien, sowohl an konkreten Beispielen aus dem Seminar als auch im Alltag.

Die vierte und fünfte Arbeitseinheit am Samstagmorgen dient dazu, den Prozeß der Abbildproduktion weiter zu entwickeln. Zunächst versuchen die verschiedenen Gruppen, ihre jeweiligen Themen und Inhalte abzustecken und über das Kennenlernen der anderen Gruppenmitglieder das Selbstverständnis der Gruppe abzustecken. Dabei ergeben sich in den Kleingruppen durchweg intensive Gespräche über spezifische Themen, die einzelnen „unter den Nägeln brennen“ und gleichzeitig den anderen nicht gleichgültig sind. Dabei werden vor allen Dingen persönliche Erfahrungen (Dritte-Welt-Erfahrungen, Verfolgung und Knast), die politischen Überzeugungen und die Konfliktfelder der einzelnen thematisiert. Stark verallgemeinernd könnte man den in den Gruppen diskutierten Bereiche folgende Überschriften zuordnen:

– Spiritualität und politisches Engagement;

– politische Konzepte, Ideen und Strategien;

– Grenzen, Begrenzungen und Umgang mit Normen;

– Konsequenzen, die sich aus dem Überschreiten von Grenzen und Normen ergeben.

Die Gespräche in den Kleingruppen sind in der Regel von persönlicher Tiefe und großer Sensibilität im Umgang miteinander geprägt. Dabei stört auch meistens nicht, daß alle Kleingruppen innerhalb eines Raumes agieren, im Hintergrund also immer auch das Stimmengemurmel der anderen Gruppen zu hören ist. Das Leitungsteam beschränkt sich auf die Beobachtung der Diskussionsprozesse und steht für Fragen der Kleingruppen zur Verfügung. Die im Abbildprozeß in der vierten und fünften Arbeitseinheit angefallenen Konflikte und Ereignisse werden in der sechsten Arbeitseinheit, einer weiteren Auszeit, bearbeitet.

In der Auszeit wurde zum Beispiel von einem Teilnehmer die Unzufriedenheit mit seiner augenblicklichen Situation angesprochen. Er habe schon am Anfang bei der Gruppeneinteilung den Eindruck gehabt, da sei eine riesige, für ihn unaufhaltsame Welle über ihn hereingebrochen. Und nun habe er wieder den Eindruck, daß die ständigen Anforderungen und Anfragen über ihn hereinbrechen, ohne daß er dies verhindern oder etwas dagegen tun könne. Eine andere Teilnehmerin bestätigte dieses Gefühl für sich auch. Sie ging dabei in ihren Überlegungen in gewisser Weise über den direkten Seminarkontext hinaus und schlug den Bogen zur Alltagsrealität: Wie mit den „Sachzwängen“ umgehen, die immer wieder an den einzelnen oder die Gruppe herangetragen werden und die vermeintlich keine Alternative zulassen als sich vom reißenden Strom mittreiben zu lassen. Jemand faßte die weitere Diskussion über Sachzwänge und Strategien des Umgangs mit solchen Entwicklungen durch den von Dietrich Bonhoeffer geprägten Begriff vom Rad treffend zusammen, dem es in die Speichen zu fallen gilt. Dies wurde zur prägenden Metapher für den weiteren Seminarverlauf.

Die siebte und achte Arbeitseinheit dient zur Fortsetzung des Seminarprozesses auf der Abbildebene. Die Diskussion über das Selbstverständnis einer Gruppe erreicht irgendwann einen Punkt, an dem die Gruppe aus sich herauskommen, auf andere zugehen und sich mitteilen möchte. Dies gilt aber nicht gleichermaßen für alle Gruppen, und schon gar nicht haben alle Gruppen gleichzeitig das Interesse und das Bedürfnis, andere anzusprechen. Hier entsteht ein weites Feld möglicher Konflikte.

Zunächst der Verständigungsprozeß in einer Gruppe: Warum und womit wollen wir auf die anderen zugehen? Um der reinen Vernetzung willen? Welche Angebote haben wir?

Dann die Form der Verständigung: Wie gehen Gruppen auf andere Gruppen zu? Lassen sie den anderen eine Möglichkeit zur Entscheidung über das Angebot der Zusammenarbeit? Wie werden Vorerfahrungen zwischen Gruppen (Konflikte, persönliche Kontakte etc.) einbezogen bzw. genutzt? Wer nimmt mit wem Kontakt auf, das heißt, welche Gruppe geht auf welche zu? Wie wird das signalisierte Interesse von der oder den anderen Gruppen aufgenommen? Wie reagiert eine angesprochene Gruppe, wenn die - vielleicht sogar hartnäckig mehrfach an sie herangetragene - Anfrage einen intensiven Gesprächs- und Diskussionsprozeß „stört“? Und wenn das Kooperationsangebot abgelehnt wird: Wie wird die Frusterfahrung verarbeitet, mit einem Vernetzungs- oder Kooperationsangebot gescheitert zu sein? Entwickelt die abgelehnte Gruppe neue Strategien und attraktivere Inhalte oder zieht sie sich in ihre Ecke zurück?

Das Seminar wird in diesem Zusammenhang gleichsam zum „Labor“, in dem Konflikte - seien sie inhaltlicher, struktureller oder persönlicher Art - zwischen Gruppen ausgetragen und Konfliktlösungsstrategien ausprobiert werden können. In der anschließenden neunten Arbeitseinheit werden diese Ereignisse in einer letzten Auszeit reflektiert.

Gerade in der letzten Phase des Seminars (siebte bis zehnte Arbeitseinheit) ist die besondere Aufmerksamkeit des Leitungsteams gefordert. Die Entwicklungen bieten nur außergewöhnliche Lernmöglichkeiten, wenn die wesentlichen Punkte transparent werden, also als Anschauungs- und Lernmaterial zur Verfügung stehen. Um dies anzubieten, muß das Leitungsteam gegebenenfalls die eben beschriebene formale Seminarstruktur durchbrechen und zusätzliche Reflexionsräume anbieten. So wurde in den verschiedenen Soli-Sympi-Seminaren der letzten Jahre mehrmals die achte Arbeitseinheit für die Reflexion in der Auszeitgruppe genutzt, da auf der Abbildebene eine Dynamik erreicht wurde, die einer Reflexion bedurfte. Andere Male hat das Team in einigen begründeten Fällen auch in den Prozeß auf der Abbildebene direkt interveniert, zum Beispiel wenn der Eindruck bestand, die Kleingruppen haben sich in ihre „Kuschelecken“ verkrochen und sind nicht in der Lage „über den eigenen Tellerrand“ zu schauen. Dann hat das Team diesen Eindruck mitgeteilt, entweder verbal oder symbolisch (zum Beispiel durch das Plazieren von Stellwänden als Verdeutlichung von „Grenze“). Auch wurde in einer anderen Situation der Prozeß „eingefroren“: Weil sich die Ereignisse auf der Ebene der Kommunikation und der Kooperation zwischen den Gruppen innerhalb von 15 Minuten plötzlich „überschlugen“ - „vorher“ hatte es vier Gruppen gegeben, „nachher“ standen drei dieser Gruppen in einem Pulk und versuchten die „Festung“ der vierten Gruppe zu knacken, die eine Zusammenarbeit zu diesem Zeitpunkt ablehnte - wurde der Prozeß gestoppt. Das Team schlug vor, für 10 Minuten in die Kleingruppen zurückzugehen und die Ereignisse der letzten Minuten zu überdenken und sich Botschaften für die jeweils anderen Gruppen zu überlegen. Nachdem diese Botschaften ausgetauscht worden waren, hat sich das Leitungsteam wieder in die Beobachterrolle zurückgezogen und den Teilnehmern/-innen die weitere Entwicklung überlassen.

Die zehnte und letzte Arbeitseinheit dient der Abschlußreflexion des gesamten Prozesses (Abbild und Auszeit). Dies geschieht im Plenum. Die umfangreiche Auswertung dient weniger der Seminarkritik als dazu, die Schlüsselthemen und -begriffe des Seminars in Erinnerung zu rufen und in ihre Abbildfunktion für die Realität „draußen“ auszuwerten. So wurde zum Beispiel in einem Soli-Sympi-Seminar der Begriff der „Vernetzung“ als schillernder, aber selten konkret nützlicher Begriff analysiert: Alle sprechen von Vernetzung als Zauberformel zur Überwindung augenblicklicher Schwächephasen. Wenn es dann aber darum geht, diese „Beschwörungs­formel“ konkret zu füllen, verbindet jede/r etwas anderes damit. Im praktischen Versuch (Laborsituation Soli-Sympi-Seminar) stellte sich dann heraus, daß der Begriff kaum praktisch handhabbar ist und im Alltagsgeschäft eher zu Doppelstrukturen führt: Es werden Vernetzungsgremien gebildet, deren Treffen nicht nur zusätzliche Eintragungen in den Terminkalender bedeuten, sondern in denen man bald auch eigene inhaltliche Schwerpunkte formuliert, die nicht unbedingt mit den Gruppeninhalten deckungsgleich sind.

In den sechs Jahren Soli-Sympi-Seminaren lassen sich verschiedene Schlüsselbegriffe und generative Themen ausmachen. Mal ging es um die hohen Ansprüche der Soli-Szene an sich selbst: „konfliktfrei, zärtlich, freundlich, tolerant, nicht typisch-deutsch, ohne Zwang, alle mit allen“. Derartige Ansprüche können einerseits blockierend für das Handeln wirken, indem sie Konflikte und Auseinandersetzungen verhindern und die einzelnen Gruppenmitglieder überfordern. Andererseits sind diese hohen Ansprüche aber auch Ausdruck eigener Ideale, Visionen und Utopien, stellen damit kritisches Korrektiv zur bestehenden gesellschaftlichen Wirklichkeit dar und bilden die Motivationsquelle für das eigene Engagement.

In einem anderen Jahr stand die Frage der Vermittlung im Zentrum des Interesses: Im Erprobungsfeld Soli-Sympi-Seminar wurde die Erfahrung gemacht, daß ein starker „missionarischer Impuls“, der die anderen vom eigenen überzeugen will, möglicherweise mehr abschreckt als wirbt. Auch ging es um das individuelle Erleben von Ohnmacht und Resignation, in einem anderen Jahr um den kreativen und produktiven Umgang mit Wut. Schließlich war es in einem Jahr der „Urknall“ der - selbstorganisierten - Gruppenbildung, der die Seminarteilnehmer/-innen interessierte, während im darauffolgenden Jahr diese Gruppenbildung sensibel und reflektiert verlief und der Fokus auf den Defiziten im Bereich der Gruppeninteraktion lag.

Einzelne Teilnehmer/-innen allerdings hatten immer wieder Schwierigkeiten mit dieser Art von ‘am Abbild lernen’. Die Schwierigkeit besteht darin, zwischen Abbild und Wirklichkeit zu unterscheiden, das heißt, den Seminarprozeß als exemplarischen Ort des Lernens zu erfassen und mit der Realität „draußen“ zu verknüpfen. Aber auch andere Teilnehmer/-in­nen - dies zeigen viele spätere Rückmeldungen - „entdecken“ erst Wochen oder Monate nach dem Seminar die Relevanz des „Gelernten“, wenn sie nämlich in ihrem Alltag Mechanismen erkennen, die ohne die Seminarerfahrung weiterhin im Bereich unreflektiert-unbewußter Handlungsmuster geblieben wären.

7 Wer kann ein nach dieser Methode ausgerichtetes Seminar leiten?

Bei der methodischen Entwicklung des Soli-Sympi-Seminars, die maßgeblich von Hermann Steinkamp, einem erfahrenen Gruppentrainer, geprägt wurde, war von Anfang an erklärtes Ziel, einen Seminartyp zu entwickeln und zu standardisieren, der von Teams begleitet werden kann, die zwar Erfahrung und Kompetenz im Begleiten von Gruppen erworben haben, selbst aber keine spezielle Ausbildung in Gruppendynamik und -training besitzen. Dies ist im Rückblick gelungen: Wichtige Voraussetzungen für das Team sind Erfahrungen in und mit Gruppen und interdisziplinäre Fähigkeiten und Ausbildungen, wie sie speziell in der Solidaritätsarbeit gefragt sind. Sehr wichtig ist, daß ein hoher Grad an Offenheit innerhalb des Teams geschaffen wird. Denn es geht nicht nur darum, beliebige Beobachtungen über ein Seminar auszutauschen, sondern um die gemeinsame Reflexion der Ereignisse und Prozesse, die Abwägung der Notwendigkeit und der Gestaltung von Interventionen. Gerade weil es auch um Prozeßbeobachtung und Prozeßinterpretation geht, ist ein Team notwendig: Acht Augen sehen mehr als zwei oder vier. Nach unseren Erfahrungen im Soli-Sympi-Seminar sollten bei einer Teilnehmer/-innenzahl von 16 bis 24 Personen mindestens vier Personen im Team sein. Das bedeutet auch zwei Teamer pro Auszeitgruppe.

Für das Soli-Sympi-Seminarkonzept ist wichtig: Das Team muß seine eigene Rolle eindeutig bestimmen und darf diese nicht verlassen. Das Seminar ist kein gruppendynamisches Training und auch keine therapeutische Situation. Das Spezifikum und die Stärke des Soli-Sympi-Seminars ist das Arbeiten mit dem Abbild der Wirklichkeit. Die Interventionen des Teams haben hier ihren Schwerpunkt, zum Beispiel beim Umgang mit den Gruppenbildungskriterien, der Interaktion unter Kleingruppen oder „szene­typischen“ Inhalten wie Verhaltensweisen. Oder mit anderen Worten: Das Soli-Sympi-Seminar legitimiert sich aus seiner politischen Relevanz: Es ist eine politische Fortbildung zur Stärkung der Gruppen und der sozialen Bewegung, indem es ein klassisches (befreiungstheologisches) Schema erweitert: Sehen - Urteilen - Handeln. Die Erweiterung besteht darin, im gezielten Wechsel von Abbildphasen und Auszeiten sowohl immer wieder neu hinzuschauen, um aus anderen Perspektiven mehr zu entdecken, als auch das Handeln in der Laboratoriumssituation für die Realität zu erproben, zu reflektieren, zu verändern und wieder zu erproben.