Das „Gemeinsame Entwicklungspolitische Seminar“ - solidarisches Engagement im interkulturellen Dialog
Nicola Neider
Das „Gemeinsame Entwicklungspolitische Seminar“ - solidarisches Engagement im interkulturellen Dialog
1 Die Geschichte: Von der Solidaritätsaktion zum Versuch eines bilateralen Seminars
Die Idee eines „Entwicklungspolitischen Auslandsseminares“ entstand zufällig: Als der Leiter des Franziskanischen Bildungswerkes 1988 beim Bischof der Diözese Caxias zu Besuch war, erzählte dieser von seinem Projekt, aus einem verfallenen, völlig überwucherten ehemaligen Benediktinerkloster eine Ausbildungsstätte für angepaßte Landwirtschaft und Gartenbau zu machen. Der Deutsche reagierte spontan: Schon im nächsten Sommer sollte eine Gruppe deutscher Jugendlicher als Freiwillige hier helfen zu roden und aufzuräumen. Als dann die jungen Deutschen tatsächlich ein Jahr später ankamen, war schnell eine „Partnergruppe“ gefunden, zumeist mittlerweile Angestellte des Projektes. An einen Gegenbesuch dieser eher zufällig zusammengekommenen brasilianischen Gruppe war nicht gedacht. Erst der Verlauf des 1. Seminares und das Engagement des Verantwortlichen auf deutscher Seite ermöglichten das „Gemeinsame Entwicklungspolitische Seminar“, ein bilateral gedachtes zweijähriges Seminar in zwei Kontinenten.
Das Gemeinsame Entwicklungspolitische Seminar (GES) fand mit dem Auftakt 1989 bis 1994 insgesamt insgesamt sechsmal als bilaterales Seminar mit deutschen und brasilianischen Teilnehmer/-innen jeweils dreimal in Brasilien und dreimal in Deutschland statt.[1] Zu den Trägerorganisationen in Deutschland, der Missionszentrale der Franziskaner (MZF) und dem Franziskanischen Bildungswerk (FBW), und in Brasilien der Diözese Duque de Caxias kamen später die Diözese Nova Iguaçu bei Rio de Janeiro sowie die Franziskanerprovinz von São Paulo hinzu.
Gab es 1989 noch die Vorstellung eines einjährigen Seminars für die deutsche Gruppe, wurden - wie eingangs beschrieben - bereits während dieses ersten, vierwöchigen Aufenthalts Überlegungen für eine Fortführung des Seminars angestellt. Im zweiten Jahr sollte eine Gruppe aus Brasilien nach Deutschland kommen und hier mit jungen Erwachsenen aus der Solidaritätsarbeit in Deutschland zusammentreffen. Das GES ist also in seinem Seminarkonzept langsam gewachsen und beruht auf den Erfahrungen von vorausgegangenen Brasilienaufenthalten deutscher Gruppen im Dialog mit den brasilianischen Gastgebern/-innen.
2. Das Ziel: Einübung von Solidarität in kulturell, sozial und religiös gemischten Gruppen
Im Rahmen des Gesamtprojekts Dialog lernen nimmt das GES eine zentrale Stellung ein. Es wird hier der Versuch gewagt, in einem über zwei Jahre andauernden Prozeß in Brasilien und in Deutschland junge Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, die sich in den sozialen Bewegungen der jeweiligen Kontexte engagieren. Im GES wird ihnen die Möglichkeit gegeben, sich über ihre Vorstellungen von Solidarität auszutauschen und - dies ist das Wesentliche daran - Solidarität in einer kulturell, sozial und auch religiös gemischten Gruppe zu erproben und zu reflektieren. Dabei bildet die jeweilige gesellschaftliche Realität, wie sie die Teilnehmer/-innen erfahren und vermitteln, den konkreten Hintergrund, vor dem das Seminar sowohl in Deutschland als auch in Brasilien durchgeführt wird. Zentral ist dabei der Gedanke, daß ein solidarisches Leben im Bewußtsein der weltweiten Ungerechtigkeit nicht theoretisch, sondern nur durch konkret gelebte Erfahrungen und Begegnungen erreicht wird. Engagierte aus sozialen Bewegungen in Nord und Süd können sich mittels solcher Begegnungen für ihre Arbeit gegenseitig inspirieren und motivieren.
Die Trägerorganisationen erhoffen sich durch diesen zweijährigen Gesamtprozeß eine Ermutigung und Befähigung für das weitere politische Engagement der Teilnehmer/-innen in ihrer konkreten Gruppe und Bewegung. Auch sollen die intensiven und tiefen persönlichen Erfahrungen in der deutsch-brasilianisch gemischten Gruppe Impulse für ihr gesellschaftliches und privates Handeln geben. Die Erfahrungen haben gezeigt, daß viele ehemalige Seminarteilnehmer/-innen als Multiplikatoren über das Seminar hinaus gewirkt haben und das GES insofern viele - zum Teil für die Trägerorganisationen nicht mehr überschaubare - Früchte getragen hat und weiter trägt.
Den Trägerorganisationen ist daran gelegen, daß die Teilnehmer/
-innen das GES als einen von ihnen selbst zu gestaltenden Lernort ansehen. Als Grobziel des Seminars gilt, zu sozialem und politischem Engagement und zum Dialog vor dem Hintergrund interkultureller Reflexion zu befähigen. Spezifische Inhalte werden von den Trägerorganisationen darüber hinaus nicht vorgegeben. So ist es dem Interesse und den Fähigkeiten der Teilnehmer/-innen überlassen, konkrete Themen auszuwählen.
Das Franziskanische Bildungswerk und die Missionszentrale der Franziskaner als Trägerorganisationen der internationalen Dialogprogramme wie GES, Befreiungstheologische Sommerschule[2] und das „Soli-Sympi-Seminar“[3] sehen diese Programme als einen Beitrag zur Verwirklichung eines Standortwechsels im Sinne der franziskanischen Optionen für die Armen, für den/die Andere, für die Schöpfung und für eine geschwisterliche Basiskirche. Das lebendige Beispiel des Franz von Assisi gilt als Vorbild für die Ziele der Programme, vor allem auch seine zur Welt hin gewandte Offenheit und sein Verständnis für Ökumene, das kein Missionsverständnis im Sinn von Dominierung zuläßt, sondern auf gegenseitiger Toleranz und dem Willen zum Dialog aufbaut.[4] Die franziskanischen Optionen liefern für die Programme die Perspektive, mit der sie von den Trägerorganisationen organisiert werden, lassen aber gleichzeitig den Freiraum für die oben genannte Arbeitsweise im GES.
3 Zielgruppe und Seminarausschreibung: sozial Engagierte und ihre Teilnahmemotivation
Ausschreibung und Zusammenstellung der Teilnehmer/-innen in Brasilien und Deutschland erfolgten getrennt voneinander.
3.1 In Deutschland
Zielgruppe des Seminars in Deutschland waren junge Erwachsene (18-30 Jahre), die in Gruppen aus den Neuen Sozialen Bewegungen engagiert sein sollten. Der Anspruch der Trägerorganisationen war, dabei ein möglichst breites Spektrum von Gruppen anzusprechen. Konkret teilgenommen haben in den letzten Jahren aber zumeist Personen aus der Solidaritätsbewegung. Insgesamt waren dies über sechs Jahre hinweg 38 Teilnehmer/
-innen, davon neun aus den neuen Bundesländern. Die Ausschreibung erfolgte jeweils zum Herbst des Vorjahres und wurde als Faltblatt an Interessierte verschickt, bzw. in Zeitschriften annonciert. Viele Interessierte fanden sich auch durch persönliche Ansprache von ehemaligen Seminarteilnehmern/-innen. In der Ausschreibung wurde darum gebeten, daß die Interessierten sich schriftlich mit einer ausführlichen Motivationsbeschreibung für eine Teilnahme am Seminar bewerben sollten. Diese Motivationsbeschreibung diente einerseits dazu, daß die Interessierten sich selbst in einem ersten wichtigen Schritt im Rahmen der Vorbereitung darüber Rechenschaft ablegen konnten, warum sie an dem Seminar teilnehmen wollen. Zum anderen diente die Motivationsbeschreibung aber den Trägerorganisationen des Seminars, um zu überprüfen, ob der/die jeweilig Interessierte in das Seminar passen würde. Wenn möglich sollten die Teilnehmer/-innen eine Gruppe vertreten, in der sie die im Seminar gemachten Erfahrungen weitergeben konnten. Ausgeschlossen waren Interessierte, denen es eher um einen touristischen Aufenthalt in Brasilien ging. Es sollte zudem die Bereitschaft vorhanden sein, am GES über zwei Jahre hinweg teilzunehmen, das heißt, nicht nur nach Brasilien zu fahren, sondern im darauffolgenden Jahr auch in Deutschland am Seminar teilzunehmen und zu dessen Vorbereitung beizutragen. Teilnahmebedingung für die Deutschen war in der Regel, Grundkenntnisse im Portugiesischen mitzubringen.
Für ein Jahr sollen anhand der Kriterien Berufsausbildung, Altersgruppe, Heimatregion und Engagement exemplarisch die Teilnehmenden (TN) aus Deutschland vorgestellt werden. Die deutsche Gruppe setzte sich aus 6 Frauen und 6 Männern zusammen.
Berufsausbildung: Heimatregionen:
2 Schülerinnen 4 TN aus Nordrhein-Westfalen
7 Studenten/-innen 3 TN aus Hessen
1 Lehrerin 2 TN aus Baden-Württemberg
1 Gemeindeassistent 2 TN aus Thüringen
1 Tischler (davon 1 TN ursprünglich aus Mozambique)
1 TN aus Berlin
Altersgruppe: Engagement:
6 TN 20 - 23 Jahre 2 TN beruflich verbunden mit
5 TN 26 - 28 Jahre „3.Welt“-Solidaritätsarbeit
1 TN 35 Jahre 2 TN in Ausländer/-innenarbeit
3 TN in Brasilien-Solidaritätsgruppen
5 TN in „3.Welt“-Solidaritätsarbeit
3.2 In Brasilien
Der Trägerkreis des GES in Brasilien, bestehend aus Vertretern der Diözesen Duque de Caxias, Nova-Iguaçu und der Franziskanerprovinz von São Paulo schrieb im Herbst des Vorjahres die unterschiedlichsten Gruppen aus der Volksbewegung, die movimentos populares in der Baixada-Fluminense an, mit der Frage, ob sich ein/e Delegierte/r aus der Gruppe für eine Teilnahme am GES interessieren würde. Auch die brasilianischen Interessierten formulierten daraufhin eine Motivationsbeschreibung, verstanden sich aber stärker als die deutschen Teilnehmer/-innen als Delegierte ihrer jeweiligen Gruppe. Der Trägerkreis entschied unter Beratung der auf Honorarbasis für das Seminar engagierten Mitarbeiterin die Auswahl der Teilnehmer/-innen. Insgesamt haben aus Brasilien 50 Personen in den vergangenen sechs Jahren am Seminar teilgenommen.
Auch hier sollen exemplarisch die Teilnehmer/innen (TN) des selben Jahres wie oben vorgestellt werden. Die brasilianische Gruppe setzte sich in diesem Jahr aus 7 Männern und 4 Frauen zusammen.
Berufsausbildung: Heimatregion:
2 Lehrer/-innen 5 TN aus Nova Iguaçu
3 Studenten (mit 6 TN aus Duque de Caxias
zusätzlichen Jobs)
1 Agraringenieur
1 Erzieherin
1 Pschologin
1 Sozialarbeiter
1 Marktverkäufer
1 Angestellte, derzeit arbeitslos
Altersgruppe: Engagement (Mehrfach-Nennungen):
4 TN 20-23 Jahre 3 TN in Nachbarschaftszentren
5 TN 25-29 Jahre 2 TN in Volkshochschulen und
1 TN 32 Jahre Bildungsprogrammen
1 TN 42 Jahre 3 TN in Gewerkschaften
6 TN Jugendarbeit/Arbeit mit
Straßenkindern
1 TN in der Menschenrechtsarbeit
3 TN in der PT (Partido dos Trabalhadores
- Arbeiterpartei)
1 TN in der Schwarzenbewegung
Während in Deutschland im wesentlichen nur Engagierte der Solidaritätsbewegung erreicht wurden (Teilnehmer/-innen aus anderen sozialen Bewegungen waren selten vertreten), repräsentierten die brasilianischen Teilnehmer/-innen ein weitaus breiteres Spektrum an sozial engagierten Gruppen. Die Unterschiedlichkeit des politisch-sozialen Hintergrunds hatte Konflikte zur Folge, die sich in vielen Gesprächen während des Seminars offenbarten: Die Kommunikation zwischen deutschen und brasilianischen Teilnehmer/-innen verlief oft auf zwei unterschiedlichen Ebenen: Die deutschen konnten den brasilianischen Teilnehmer/-innen oft nicht aus eigener Erfahrung von einem politisch-sozialen Engagement in Deutschland erzählen, wie die Brasilianer/-innen es erwartet hatten. Ging es den deutschen Teilnehmern/-innen in erster Linie um eine persönliche Erfahrung der Begegnung und des Erfahrungsaustausches, erwarteten die brasilianischen Teilnehmer/-innen eher eine konkrete Bereicherung für die politische Arbeit in ihren Herkunftsgruppen. Mit dieser Erwartung verband sich bei einigen brasilianischen Teilnehmern/-innen auch die Hoffnung, in politischer und finanzieller Hinsicht Lobbyarbeit für ihr Projekt machen zu können, was oft zu Komplikationen[5] während des Seminarverlaufs führte. Desweiteren trug die unterschiedliche finanzielle Eigenbeteiligung der Teilnehmer/-innen zu manchen Schwierigkeiten bei. In den ersten vier Jahren hatten die Brasilianer/-innen keinen Eigenbetrag bezahlt und während ihres Aufenthaltes in Deutschland ein Taschengeld aus der Seminarkasse erhalten. Durch die ungleiche Situation der Teilnehmer/-innen kam es immer wieder zu Mißverständnissen und anderen Konflikten, die schließlich dazu führten, daß im 5. GES auch die brasilianischen Teilnehmer/-innen einen Beitrag zahlten, der relativ in etwa dem der deutschen Teilnehmer/-innen entsprach.
4 Die zeitliche und örtliche Struktur
des Seminarverlaufs
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| Deutschland |
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| Februar | Kennenlernen |
| Kennenlernen |
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| April | Regionalwochenende: |
| Bearbeitung |
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| Juni | Vorbereitung auf den Seminarblock, |
| Vorbereitung auf den Seminarblock, |
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| Seminarblock |
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| August | Einführungstage im Plenum, Exkursionen und Referate |
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| Projektarbeit |
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| Zwischenreflektion |
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| Projektarbeit |
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| November | Auswertung |
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| Februar | Kennenlernen |
| Kennenlernen |
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| April | Regionalwochenende: |
| Bearbeitung |
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| Juni | Vorbereitung auf den Seminarblock, |
| Vorbereitung auf den Seminarblock, |
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| Seminarblock |
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| August |
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| Einführungstage im Plenum, Exkursionen und Referate |
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Das GES erstreckte sich insgesamt über zwei Jahre. In der obenstehenden Grafik soll verdeutlicht werden, aus welchen Elementen das Seminar bestand und wie diese Elemente nach Zeit und Ort aufgeteilt waren.
Ein zentrales Element des Seminars war die jeweilige Vorbereitungsphase, die getrennt in beiden Ländern verlief. Sie bestand aus jeweils drei Wochenenden, wobei das zweite Wochenende in Deutschland regional aufgeteilt in drei Kleingruppen stattfand und von den Teilnehmern/innen selbständig vorbereitet und durchgeführt wurde. Da in Brasilien die Teilnehmer/-innen alle aus einer Region kamen, erübrigte sich diese Aufteilung. Mit den stilisierten Briefumschlägen zwischen den getrennt stattfindenden Vorbereitungsphasen ist die Kommunikation der beiden Gruppen in dieser Zeit symbolisch dargestellt: Von Beginn an wurden zwischen Brasilien und Deutschland Protokolle zum Verlauf der Wochenenden ausgetauscht, und man sandte sich auch gegenseitig die Motivationsbeschreibungen zu. Diese Kommunikation funktionierte allerdings nicht durchgängig; der Informationsaustausch ließ manches Mal auf sich warten.
Im Zentrum des Seminars stand der jeweils vierwöchige Seminarblock, der in einem Jahr in Deutschland und im anderen Jahr in Brasilien stattfand. Er war unterteilt in eine Einführungsphase, an die sich die Arbeit in sogenannten Nucleos anschloß. Der Begriff „Nucleo“ (wörtlich: Kern) ist der Organisation der Landlosenbewegung in Brasilien entlehnt, wo kleine Gruppen gebildet werden, um eine konkrete Landbesetzung organisieren zu können und über anstehende Entscheidungen von der Basis her zu diskutieren und zu bestimmen. Konkret hieß dies, daß sich die Seminargruppe in vier sprachgemischte Kleingruppen aufteilte und an vier verschiedene Orte der Region - in der das Seminar stattfand - fuhr, um hier ein Projekt aus dem Bereich der sozialen Bewegungen kennenzulernen. Die Teilnehmer/-innen sollten nach Möglichkeit im Projekt mitarbeiten. Dies war vor allem dort möglich, wo es um körperliche Arbeit ging, so zum Beispiel auf einem Bauernhof oder in einer Tischlerei. Diese praktischen Erfahrungen vermittelten am ehesten einen Eindruck vom Projektalltag. Auch unter den Teilnehmern/-innen entstanden durch die gemeinsame Arbeit intensivere Beziehungen. Neben der Mitarbeit - die nicht in allen Projekten realisiert werden konnte - gab es in den Nucleos eine Vielzahl von Besuchen und Gesprächen mit politisch engagierten Leuten und Gruppen vor Ort, Begegnungen, die sich oft spontan ergaben oder von den Nucleo-Gastgebern/
-innen vorbereitet waren. In den Nucleo-Phasen war die Gruppe auf sich gestellt und verantwortlich für den Tagesablauf. Einkaufen, Kochen und andere Dinge des täglichen Lebens wurden hier miteinander praktiziert. Es gab jeweils zwei Nucleo-Phasen, die von einer kurzen Zwischenreflexion in der Gesamtgruppe unterbrochen wurden. Den Abschluß bildete eine ausführliche Auswertung in der Gesamtgruppe. Hierzu begab sich die Seminargruppe an einen anderen Tagungsort, um auch noch ein anderes Umfeld kennenzulernen. Nach drei Wochen Thüringen war dies zum Beispiel die Industriemetropole Stuttgart.
Ungefähr drei Monate nach Abschluß des Seminarblocks kamen in beiden Ländern die Teilnehmer/-innen zum Nachbereitungswochenende zusammen.
Exkurs: Zur Frage der Übersetzung
Wie bereits oben erwähnt, waren Grundkenntnisse in Portugiesisch Teilnahmebedingung für die deutschen Teilnehmer/-innen. Da diese Grundkenntnisse aber nicht immer vorhanden waren und es während des Seminars zu vielen Begegnungen mit Referenten, Gastgebern in der Region und am Seminar interessierten Gruppen kommt, ist für die Plenumsphasen des Seminars und für Referate und Exkursionen immer ein/e Übersetzer/-in dabei. Oft kam diese Person aus der eigenen Seminargruppe. Die Doppelrolle Teilnehmer/-in und Übersetzer/-in erwies sich aber im Laufe der Zeit als zu belastend, so daß bei einigen Seminaren Übersetzer/-innen von außen engagiert wurden, die zwar nicht die ganze Zeit, aber während der wichtigsten Seminarphasen dabei waren. In vielen alltäglichen Situationen - insbesondere in den Nucleos - mußten die Teilnehmer/-innen mit ihren Sprachkenntnissen jedoch allein zurechtkommen. Das hatte für die Brasilianer/-innen in Deutschland und die Deutschen in Brasilien manches Mal Verständigungsschwierigkeiten zur Folge. Vor allem in den informellen Phasen des Seminars fühlten sich die Teilnehmer/innen mit den geringen Fremdsprachenkenntnissen oft benachteiligt. Für die Brasilianer/-innen stellte sich jedes Mal erneut die Frage, ob sie nicht auch Deutsch lernen sollten. In der Praxis war dies aber so gut wie nie zu realisieren, wohl aber brachten einige Grundkenntnisse mit.
5 Methodik und Inhalte des Seminars
Die Methodik der „Gemeinsamen Entwicklungspolitischen Seminare“ (GES) spielte für ihre inhaltliche Gestaltung eine entscheidende Rolle. Methodik und Inhalte sollen deshalb im folgenden durch konkrete Beispiele aus den 4. bis 6. GES verdeutlicht werden. Diese Seminare haben 1992 in Thüringen und Stuttgart, 1993 in der Baixada Fluminense und São Paulo, 1994 im Ruhrgebiet und Berlin stattgefunden. Jede/-r Teilnehmer/
-in erlebte diesen Seminarablauf zweimal, einmal im eigenen Land und das andere Mal im Gastland Brasilien bzw. Deutschland.
5.1 Vorbereitung und Leitung
Der bilateralen Trägerstruktur entsprechend wurde die Leitung deutsch/brasilianisch besetzt. Eine Leitungsperson war in der Regel ein/e haupt- oder (in Ausnahmefällen) ehrenamtliche/r Referent/-in der Missionszentrale der Franziskaner (MZF). Die andere Leitungsperson war über mehrere Jahre hinweg eine Psychologin aus Brasilien, so daß eine bilaterale, das heißt interkulturelle Besetzung der Leitung fast durchgängig gewährleistet werden konnte. Allerdings hatten nicht die Trägerinstitutionen in Brasilien, sondern die MZF von Deutschland aus die Brasilianerin mit der Leitung beauftragt. Diese einseitige Entscheidungsstruktur verursachte einige Schwierigkeiten. Vor allem auf brasilianischer Seite kam es zu
Neidreaktionen und damit verbunden zur Ablehnung der brasilianischen Leitung. Schon an diesem Punkt zeigte sich, wie schwierig eine wirklich bilaterale, gleichberechtigte Seminargestaltung ist, bei dem die Hauptfinanzierung aus Deutschland kommt. Die brasilianische Seite sah sich in ihrer stark basisdemokratisch geprägten Tradition aus dem politischen Engagement innerhalb der Volksbewegungen nicht genügend ernstgenommen.
Die Aufgaben der hauptamtlichen Leitung lagen vor allem in der Vorbereitungsphase des Seminars, in der Kontaktsuche zu möglichen Nucleo-Orten, in der organisatorischen Vorbereitung und Durchführung des Seminars und in der Begleitung der Gruppe an den Wochenenden und während der Seminarblöcke.
Um zu realisieren, daß die Teilnehmer/-innen das Seminar als einen von ihnen selbst zu gestaltenden Lernort ansehen, wurden neben der hauptamtlichen Leitung des Seminars aus dem Kreis der Teilnehmenden je Land zwei Leitungsteammitglieder hinzugewählt oder benannt, die für die Dauer des Seminars (über ein Jahr hinweg) gemeinsam mit der hauptamtlichen Leitung die einzelnen Schritte vorstrukturierten. Zwar entstand dadurch für die Teammitglieder eine zusätzliche Belastung, da neben den ‘offiziellen’ Arbeitseinheiten immer noch Teambesprechungen stattfanden, die Erfahrung über mehrere Jahre hinweg hat aber gezeigt, daß die ehrenamtlichen Teamer sehr stark von der Teamarbeit profitieren und die Eigenverantwortung der gesamten Gruppe für das Seminar dadurch steigt.
Für die Auswertungstage des Seminarblocks wurden zusätzlich zur Leitung des Seminars zwei weitere (deutsche/brasilianische) Begleiter angesprochen, die als sogenannte „externe Koordination“ der Gruppe vor allem in methodischer Hinsicht halfen, die Erfahrungen der vergangenen drei Wochen auszuwerten. Auch dieses Modell hat sich bewährt. Durch die externe Begleitung wurden in der Auswertungswoche oft hilfreiche Beobachtungen und Hilfestellungen eingebracht, mit der die Gruppe nach drei Wochen intensiver Erfahrung und gemeinsamer Arbeit zu einer reflektierten Form der Auswertung fand.
5.2 Pädagogisches Konzept: TZI
Ein Denkmodell, in dem verdeutlicht werden kann, wie das pädagogische Selbstverständnis des GES beschrieben werden kann, ist als TZI bekannt. TZI ist die Abkürzung für „Themenzentrierte Interaktion“ und steht für das Geschehen zwischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die sich mit einem gemeinsamen Thema befassen. Diese gruppendynamische Methode wurde von der Psychotherapeutin Dr. Ruth Cohn entwickelt.
Anhand des TZI-Schemas sollen im folgenden wichtige Elemente des pädagogischen Konzepts des GES beschrieben werden.
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| TZI-Schema |
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Die drei Eckpunkte sind keine feststehenden Eckpfeiler, die ein statisches Gleichgewicht herstellen. Vielmehr geht es um ein dynamisches Gleichgewicht, das sich dauernd verändert, weil mal der eine, mal der andere Faktor im Gruppengeschehen stärker betont ist.
5.2.1 Thema: gesellschaftliche Realität in der Einen Welt
Das Thema des GES ist: Die Teilnehmer/-innen setzen sich während des zweijährigen Seminars mit entwicklungspolitischen Inhalten der gesellschaftlichen Realität in der Einen Welt auseinander. Dies wird konkret durch die Themen, die in der Region, in der das Seminar während der Monate Juli/August stattfindet, aktuell sind. Ein Beispiel: Das 6. GES fand 1994 im Ruhrgebiet statt und hatte „Strukturwandel“ zum Hauptthema. Angefangen von einer Betriebsbesichtigung bei Thyssen in Duisburg, über den Besuch einer Arbeitsloseninitiative bis hin zur aktiven Mitarbeit in einer Dortmunder Suppenküche für Obdachlose versuchten die Teilnehmer/-innen, sich von unterschiedlichen Seiten aus der Realität des Ruhrgebietes zu nähern.
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Ein wichtiger Aspekt des GES ist, daß die Teilnehmer/-innen sich in der Vorbereitungsphase selbst verschiedene Inhalte erarbeiten - dies geschah vor allem am 2. Vorbereitungswochenende - und im Sommer ihr Wissen an die anderen Teilnehmer/-innen weitergaben. 1992 zum Beispiel hatten die deutschen Teilnehmer/-innen im Blick auf den Seminarblock in Thüringen einen selbsterstellten Reader zu einzelnen Themen zusammengestellt, ihn ins Portugiesische übersetzt und den brasilianischen Teilnehmer/-innen am Beginn des Seminars zur Verfügung gestellt. Zusätzlich wurden zu einzelnen Themenbereichen auch Referenten/-innen eingeladen oder Exkursionen gemacht. Oft ergaben sich in der Gruppendiskussion auch spontan Themenwünsche. So stand zum Beispiel an einem Abend die deutsche Gruppe den Brasilianern/-innen Rede und Antwort zu Fragen an das Bildungssystem in Deutschland, ohne daß dies vorher so geplant worden wäre. Die Wissensvermittlung durch die Teilnehmer/-innen geschah selbstverständlich stärker durch die Gastgebergruppe, aber auch die Gästegruppe bereitete sich intensiv auf die Themen vor, die sie im Gastgeberland erwarteten.
Besonders deutlich wurde dieser Aspekt in den jeweiligen Nucleo-Phasen: Hier waren die Teilnehmer/-innen bei der Planung und Gestaltung des Programms ganz auf sich gestellt. Jeweils drei deutsche und drei brasilianische Teilnehmer/-innen fuhren zusammen an einen Ort in der Region, um in einem Projekt mitzuarbeiten und in Gesprächen und Besuchen möglichst viel von der Realität des Ortes kennenzulernen. Natürlich hatten die Nucleo-Gastgeber ein Programm vorbereitet, in dem es aber meistens sehr viel Gestaltungsraum gab, so daß sich die Gruppe gemeinsam auf den jeweiligen Tagesplan einigen mußte. Spontan organisiert wurden zum Beispiel Gesprächs- und Informationsabende, bei denen die brasilianischen Teilnehmer/-innen in Deutschland von der Realität in ihrer Heimat sprachen und auf die sozialen Probleme in den Favelas - etwa bei Landbesetzungen - aufmerksam machten. Durchgängiges Prinzip bei der thematischen Gestaltung ist dabei immer Gegenseitigkeit. Nie sind es nur die Brasilianer/-innen, die als Gäste über ihre Heimat berichten, oder nur die Deutschen, die den Gästen aus Brasilien die deutsche Realität zu vermitteln suchen (und umgekehrt). Stets findet ein gemeinsames Suchen und Entdecken der konträren Situation in der Einen Welt statt.
5.2.2 Ich: sichtbar und anfragbar
Die zweite Ecke des Dreiecks symbolisiert das Ich. Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer nimmt sich mit seinen Empfindungen und Gedanken ernst und mutet sich den anderen damit zu. Dies beginnt bereits mit der Motivationsbeschreibung bei der Seminarbewerbung und zieht sich konstant durch das ganze GES.
Ein Beispiel aus der Vorbereitungsphase: In der Regel begann das 1. Vorbereitungswochenende nach einer ausführlichen Kennenlernrunde mit der sogenannten Lebensfaden-Methode. Jede/-r Teilnehmer/-in wurde aufgefordert mit viel Ruhe und Zeit den eigenen Lebensfaden auf ein großes Papier zu kleben, und dabei besonders die Lebensstationen hervorzuheben, die sie/ihn dem entwicklungspolitischen Engagement nähergebracht hatten. Im Anschluß an diese Einzelarbeit stellten die Teilnehmer/-innen den eigenen Lebensfaden vor, wobei freigestellt war, wie detailliert die eigene Biographie jeweils präsentiert wurde. Die persönliche Dimension war eine wichtige Dimension im GES, genauso wichtig war aber auch die Achtung gegenüber dem jeweiligen persönlichen Schutzraum, dessen Grenze von jedem/jeder anders gezogen werden konnte.
Auch in den weiteren Seminarabschnitten gab es immer wieder Einheiten, in denen das persönliche Erleben und Reflektieren der einzelnen Platz hatte.
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| Arbeit mit der Lebensfaden-Methode | |||
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Gerade in den Nucleos ist es wichtig, daß sich der/die Einzelne ernst nimmt und einbringt. Nicht immer konnten und wollten zum Beispiel alle das ganze Programm mitmachen. Das Bedürfnis des Einzelnen und die Interessen der ganzen Gruppe mußten immer wieder neu besprochen und ausgehandelt werden.
Bei den Zwischenreflexionen und den Auswertungstagen wurde im besonderen versucht, die persönliche Dimension durch die Methodenwahl zu berücksichtigen. Wichtig hierbei waren die Gespräche in den sprachgetrennten Gruppen, das heißt, die deutschen und brasilianischen Teilnehmer/-innen konnten in diesen Zeiten ohne ‘Übersetzungsdruck’ ihr jeweiliges Erleben austauschen und reflektieren bzw. neue Inhalte für die Diskussion in der ganzen Gruppe entwickeln. Es hat sich gezeigt, daß in schwierigen Seminarsituationen die sprachgetrennten Gruppen gerade als Rückzugsraum für die einzelnen sehr wichtig waren. Jede/r einzelne wird sichtbar und damit auch anfragbar, wenn er/sie sich ganz einbringt.
5.2.3 Wir: ich und die anderen im Gruppenprozeß
Der dritte Aspekt, das Wir, bedeutet, daß jede und jeder die anderen genauso respektiert und ernst nimmt wie das Thema und sich selbst. Genauso wichtig aber ist auch der Prozeß der Gruppe, ob im Plenum oder in den verschiedenen Untergruppen. Wie bereits erwähnt, hat jeder der drei Aspekte Thema, Ich, Wir mal ein stärkeres, mal ein schwächeres Gewicht. Dies hängt davon ab, ob die Gruppe zum Beispiel gerade einen Besuch bei einer Basisgruppe macht, wo das Thema bzw. die Gesprächspartner im Mittelpunkt stehen, oder ob sich die Gruppe zur Reflexion des Erlebten trifft. So war es in den meisten Nucleo-Gruppen üblich, jeweils am Abend eine kurze Gruppenreflexion zu halten, wo Schwierigkeiten in der Gruppe benannt werden konnten und gemeinsam Lösungen überlegt wurden. Entscheidend ist, daß die drei Eckpfeiler insgesamt ein dynamisches Gleichgewicht bilden. Dies heißt auch: Störungen in der Gruppe haben Vorrang, wenn sie die thematische Arbeit blockieren. Für die Zeiten der Zwischenreflexion und vor allem in der Auswertungswoche bedeutete dies, die Verlaufsplanung prozeßorientiert anzulegen. Hatte es innerhalb der Nucleo-Gruppen Schwierigkeiten gegeben, war in der Zwischenreflexion zunächst auf diese offenen Fragen einzugehen, bevor an eine thematische Weiterarbeit gedacht werden konnte. Die sprachgetrennten Gruppen wurden in dieser Phase bewußt eingesetzt, um die spezifische kulturelle Sicht gerade auch in Konfrontation zu der jeweils anderen Gruppe herauszuarbeiten. Das vorhandene Konfliktpotential kam dadurch an die Oberfläche. Eine beispielhafte Situation: Nach einer Nucleo-Phase in Thüringen 1992 kam eine der Nucleo-Gruppen mit einem offenen Konflikt zurück: Die brasilianischen Teilnehmer/-innen fühlten sich von den Deutschen nicht genügend in die Planung einbezogen und autoritär behandelt, wenn sie von Gesprächsergebnissen erst im nachhinein informiert wurden, anstatt durch eine kontinuierliche Übersetzung aktiver an der Entscheidungsfindung beteiligt worden zu sein. Daraus folgte von brasilianischer Seite ein pauschaler Vorwurf an die Deutschen, sie seien autoritär und kolonial veranlagt, was die deutschen Teilnehmer/-innen wiederum sehr verletzte. In der Zwischenreflexion zeigte sich, daß es diese Problematik zum Teil auch in den anderen Gruppen gegeben hatte. Nach einer Phase in den sprachgetrennten Gruppen, diskutierte man dann die offenen Fragen im Plenum, und es kam teilweise zu sehr heftigen Wortgefechten. Im Raum stand der allgemeine Vorwurf an die Deutschen, sie seien autoritär, das läge in ihrer historischen Tradition. Erst als die Gruppe einen Tag später von einem Besuch der Gedenkstätte des KZ Buchenwalds zurückkam, war es möglich, die entstandene Kluft in der deutsch-brasilianischen Gruppe zu schließen. Im Angesicht der Anlagen des KZ Buchenwalds war der gesamten Gruppe deutlich geworden, wohin autoritäre, diktatorische Systeme führen können. Dadurch trat bei allen Teilnehmern/-innen eine große Betroffenheit über die vorangegangene Gruppendiskussion zutage. Es kam zu einer ausführlichen Aussprache zwischen den beiden Gruppen, die dazu führte, daß die Konflikte differenzierter betrachtet und die gegenseitigen Pauschalvorwürfe zurückgenommen wurden. Von diesem Moment an war die gesamte Gruppe wieder arbeitsfähig und konnte auch inhaltlich gut weiterarbeiten.
5.2.4 Umfeld: Regionalität und Gemeinwesen
Als letztes Element des TZI-Schemas ist das Umfeld zu nennen. Das Seminar bewegte sich nicht in einem luftleeren Raum. Die ‘Durchlässigkeit zum Gemeinwesen’ war ein wichtiger Aspekt des Seminars. Die einzelnen Teilnehmenden brachten ihren jeweiligen persönlichen und politischen Kontext in das Seminargeschehen mit ein. So stellten sie als Delegierte bzw. Mitglieder ihrer Herkunftsgruppen deren politische oder soziale Aktivitäten während des Seminars vor oder organisierten mit Unterstützung ihrer Gruppen einzelne Nucleos. Auch nach Ablauf des Seminars setzten sie in ihrem beruflichen und ehrenamtlichen Engagement die in den GES gemachten Erfahrungen als Multiplikatoren/-innen um. Vor allem an den Nachbereitungswochenenden nahm sich die Gruppe sehr viel Zeit für die Frage, wie die einzelnen mit den Erfahrungen des Seminars umgehen können. Alle Teilnehmer/-innen reflektierten darüber auch in den persönlichen Auswertungsschreiben, die sie wie die Motivationsschreiben an die Trägerorganisationen des Seminars sandten.
Auch während des Seminars spielte das konkrete regionale Umfeld, in der das Seminar jeweils ausgerichtet wurde, eine wichtige Rolle. Besonders durch die beiden Nucleo-Phasen entstanden vielfältige Kontakte zu Organisationen und Projekten in der jeweiligen Region, deren Vertreter/-innen aktiv in das Seminargeschehen miteinbezogen wurden. Im Vorfeld des Seminars hieß dies zunächst, Kontakte zu knüpfen mit verschiedenen Projekten in der Region, die an einer Zusammenarbeit interessiert waren und gleichzeitig in ihrer Arbeit der Seminargruppe einen Teil der Realität dieser Region aus der Perspektive der Marginalisierten vermitteln konnten. Exemplarisch seien die Organisationen und Einrichtungen genannt, mit denen 1993 in Brasilien und 1994 im Ruhrgebiet eine Zusammenarbeit stattfand:
1993 waren in Brasilien folgende Einrichtungen und Projekte Nucleo-Gastgeber:
– Jugendarbeitsprojekt São Bento in Duque de Caxias (Arbeit mit Straßenkindern, Alphabetisierung und Berufsausbildung);
– Avicres in Nova Iguaçu (Bildungs- und Sozialarbeit in Favelas);
– Mob (Nachbarschaftszentrum, Gesundheitswesen, Menschenrechtsarbeit);
– Pt (Arbeiterpartei) - Stadtrat (Ökologie, Kommunalpolitik, Basisgruppen);
1994 waren im Ruhrgebiet folgende Einrichtungen bzw. Projekte Nucleo-Gastgeber:
– Ökumenische Werkstatt Wuppertal (Schwerpunkt Ausländer/-innenarbeit);
– Suppenküche Dortmund St. Josef (Schwerpunkt: Obdach- und Arbeitslosigkeit);
– Biobauernhof Theo Schürmann (Schwerpunkt: Alternative Landwirtschaft, Frauenarbeit, Obdachlosenarbeit);
– Friedensdorf International Oberhausen (Arbeit mit kriegsgeschädigten Kindern aus aller Welt).
Neben diesen Hauptansprechpartnern gab es eine Fülle von Einzelkontakten zu Gruppen wie amnesty international, Gewerkschaftsgruppen, Antirassismus-Zentren, Arbeitsloseninitiativen und viele mehr.
Zum Umfeld gehörte auch die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit vor und während des Seminars. Zum Abschlußfest und oft auch in den Nucleo-Phasen gab es regelmäßig eine regionale und manchmal überregionale Berichterstattung in Zeitungen, Radio und im Fernsehen.
6 Beispiele für den konkreten Tagesablauf:
15. und 16. August 1992
Exemplarisch wird im folgenden ein Ausschnitt aus dem Programm des 4. GES wiedergegeben, um die konkrete Arbeit im Seminar zu zeigen:
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| 15.8.1992 |
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| 9 bis 12 Uhr | Reflexion in den Sprachgruppen |
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| 15 bis 18 Uhr | Plenum mit Planung der nächsten Tage und dem Austausch der Ergebnisse aus den Sprachgruppen zu den Themen: – Bedeutung der körperlichen Arbeit während der Nucleos – Lernprozesse während des Seminars – Fortsetzung der Kolonialismusdiskussion vom vergangenen Wochenende |
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| 20 bis 22 Uhr | Einführung in die Thematik des KZ Buchenwald durch eine Teilnehmerin und Vorbereitung der Gruppe auf den Besuch am morgigen Sonntag |
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| 23 bis 1 Uhr | Teamzusammenkunft |
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| 16.8.1992 |
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| 10 bis 18 Uhr | Besuch des KZ Buchenwald und Gespräch mit Pfarrer Thomas Seidel über die Geschichte des KZ und des Speziallagers zwischen 1945 und 1950 Erfahrungsaustausch im Reflektionsgespräch mit Pfarrer Seidel |
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| 20 Uhr | Gespräch mit zwei Weimarer Bürgern, die in Betrieben der Bauwirtschaft eine leitende Funktion haben, über ihre Erfahrungen mit dem Übergang von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft |
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7 Nach zwei Jahren GES: reich an Erfahrung
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Die Erfahrungen von ehemaligen Teilnehmer/-innen des GES zeigen, daß der zweijährigen Seminarprozeß viele Anstöße für das persönliche und politische Engagement gegeben hat. Von einigen wird das GES sogar als tiefgreifender Einschnitt in der eigenen Biographie angesehen. Die Trägerorganisationen bemühen such darum, nach Abschluß des Seminars die Verbindung zu den einzelnen Teilnehmern/-innen beizubehalten. Hierzu werden einmal im Jahr alle ehemaligen Teilnehmenden am GES und auch der Befreiungstheologischen Sommerschule zu Regionalwochenenden eingeladen, die die Möglichkeit geben sollen, sich über die Erfahrungen in der Zeit nach Ablauf des Seminars auszutauschen und sich gegenseitig im Engagement zu unterstützen. Ein weiteres Angebot für ehemalige Seminarteilnehmer/-innen ist das „Soli-Sympi-Seminar“. Darüber hinaus gibt es Seminargruppen, die sich weiterhin kontinuierlich und privat treffen, um sich wiederzusehen und im Gespräch miteinander zu bleiben. Dies gilt sowohl für die deutschen als auch für die brasilianischen Teilgruppen und auch zwischen Deutschen und Brasilianern/-innen sind viele Kontakte erhalten geblieben.
Im Anschluß an das Seminar gab es von deutschen Teilnehmer/-innen ebenfalls Bemühungen, ein Projekt, das sie in Brasilien kennengelernt hatten, konkret zu unterstützen. Neben Besuchen und Partnerschaften versuchte man sich hin und wieder mit direkter finanzieller Hilfe. So verständlich diese Versuche oft waren, so schwierig sind sie verlaufen und dann meistens gescheitert. Besonders schwierig gestaltete sich die finanzielle Hilfe, wenn entsprechende Absprachen noch während des GES getroffen wurden. Die Trägerorganisationen fügten deshalb nach vier Jahren eine Klausel in den Seminarvertrag ein, in der es den Teilnehmern/-innen untersagt wird, im Verlauf des zweijährigen Seminars miteinander Projektpartnerschaften in finanzieller Hinsicht einzugehen.
Die Probleme mit finanzieller Hilfe zeigen deutlich die Grenzen des GES. Für viele Seminarteilnehmer/-innen war gerade die Einsicht in diese Schwierigkeiten sehr wichtig: Über Solidarität kann viel geredet werden, sie wirklich in einer Partnerschaft zwischen Nord und Süd zu praktizieren, ist dagegen ungleich schwieriger. Eine Teilnehmerin brachte dies in einem Schreiben an die brasilianische Gruppe so zum Ausdruck:
Der Sinn des Seminars kann also kein wahres Teilen der gegenseitigen Realität sein, sehr wohl aber ein Mitteilen. Bei diesem Mitteilen stoßen wir jedes Jahr an unsere Grenzen, an unsere Verständnis- und Mitteilungsschwierigkeiten, an unsere Kulturunterschiede und auch an unsere Vorurteile. (...) Dieser intensive Austausch war zum Glück innerhalb unseres Seminars unter uns möglich, und ich bin sehr froh, daß Ihr am Ende die Punkte angesprochen habt, die Euch gestunken haben. Das war für mich einer der wichtigsten Augenblicke des Seminars. (...) Schade, daß wir nicht ein paar Wochen mehr Zeit gehabt haben. Vielleicht hätten wir mit der Zeit gelernt, gleich über Dinge zu reden, die uns gegenseitig stören. Aber das Seminar ist ja nicht zu Ende, es geht weiter, und ich denke, eines der wichtigsten Ziele kann es sein, den Mut und das Vertrauen zu haben, wirklich ehrlich miteinander zu reden.
In diesem Sinn hat das GES - im wahren Sinn des Wortes - dazu beigetragen, Dialog zu lernen.
Weitere Auszüge aus Auswertungsschreiben von GES-Teilnehmern/
-innen sollen anschaulich machen, wie das GES bei einzelnen gewirkt hat. Ein GES-Teilnehmer formuliert sein Fazit aus dem GES 1992/1993 so:
Aus dem Vorhergehenden leite ich mein relativ kurzes und zentrales Fazit für das hinter mir liegende GES ab: Solidaritätsarbeit findet sowohl in persönlicher Begegnung als auch in politisch-gesellschaftlichem Engagement statt. Sie braucht konkrete Gesichter, mit denen ich mein Engagement verbinde und die mich konkret daran erinnern, was mein eigentliches Ziel und meine Utopie ist: Die Herstellung gleicher, gerechter Lebensverhältnisse und Lebenschancen für alle Menschen. Solidaritätsarbeit geht vom Herzen aus.
Wie schwierig die Umsetzung von Ideen ist, die aus dem Seminar erwachsen sind, belegt folgende Auswertung:
Seit der Rückkehr aus Brasilien versuche ich Ergebnisse, Erlebnisse und Begegnungen, Gespräche und Besuche, Vorträge und Diskussionen zu sortieren und die Veränderungen in mir, meinen Gedanken und Gefühlen auszuwerten, um sie anschließend in konkrete Handlungen enden zu lassen. Es ist soviel geschehen, daß dieser Prozeß sicher noch eine längere Zeit dauern wird.
Am Ende seien noch einige Sätze aus brasilianischen Auswertungsschreiben dokumentiert, die die vielfältigen Dimensionen des Seminars benennen:
Das Seminar veränderte: Respekt, Wirklichkeit, Interesse etc., nicht nur im Bereich der Entwicklungspolitik, sondern beim einzelnen - Wachsen der Persönlichkeit.
Der ‘Kampf’ um kulturelle Unterschiede war sehr wertvoll. Man konnte daraus lernen, die Kultur des Anderen zu respektieren und zu hinterfragen. Wir müssen die Sicherheit hinsichtlich unserer Kultur verlieren.
Wir können das Seminar nicht in zwei Teile zerreißen: ‘wissenschaftliche Diskussion’ und ‘Zusammenleben’. Man kann die Gemeinschaft, das Zusammenleben nicht von den übrigen Sachen trennen. Es gibt niemanden, der sagt: Das hier ist Gemeinschaft und das Diskussion.
8 Perspektiven
Nach sechs Jahren GES haben die Trägerorganisationen eine zweijährige Pause eingelegt, um die Konzeption des Seminars zu überdenken und neue Ideen zu entwickeln. Entscheidend bei der Planung für einen nächsten GES-Zyklus ist der Aufbau einer besseren bilateralen Trägerstruktur für ein gemeinsames Seminar. Dies setzt kontinuierliche Ansprechpartner und Verantwortliche im Partnerland voraus, die von Beginn an in die Seminarplanung einbezogen werden. Das muß auch dann gelten, wenn die Finanzstruktur des Seminars unverändert bleibt: Der Großteil der finanziellen Unterstützung für das Seminar wird weiterhin aus Deutschland bzw. aus der Europäischen Union kommen. Mit diesen Geldern ist auch ein bestimmter Rahmen vorgegeben, der von den Trägerorganisationen berücksichtigt werden muß. Dennoch kann es in diesem Rahmen hinsichtlich der Methoden, Inhalte, Zielgruppen und Seminarstruktur eine bessere bilaterale Vorbereitung des GES geben.
Auch wenn bisher kein fertiges Seminarkonzept vorliegt, wird sicher vieles von den sechs Jahren GES-Erfahrung in den neuen Seminarzyklus einfließen. Für die Jahre 1997/1998 sind GES einerseits zwischen Brasilien und den europäischen Ländern Rumänien, Ungarn, Österreich und Deutschland und andererseits zwischen Indien und Deutschland geplant. Das GES oder die Interkulturelle Solidaritätswerkstatt, wie das Seminar in Zukunft heißen soll, lebt auch in der Planung und Vorbereitung von der prozeßorientierten Arbeit, die bei allen Beteiligten Offenheit im Dialog miteinander voraussetzt.
[1] Das Gemeinsame Entwicklungspolitische Seminar wurde auch aus Mitteln des Bundesjugendplanes finanziert.
[2] Siehe den Artikel von Maria Schwabe „Die ‘Befreiungstheologische Sommerschule’ - eine Brücke zwischen Nord und Süd“, in diesem Buch, 151ff.
[3] Siehe den Artikel von Wolfgang Burggraf „Das ‘Soli-Sympi-Seminar’ oder die Erprobung von Verhaltensweisen weltweiter Solidarität“, in diesem Buch, 121ff.
[4] Zum Verständnis des Franziskanisch-missionarischen Charismas siehe auch den Korrespondenzkurs CCFMC, herausgegeben von der Missionszentrale der Franziskaner, Bonn-Bad Godesberg 1997.
[5] Vgl. weiter unten Abschnitt 7 „Nach zwei Jahren GES: reich an Erfahrung“.









