Symposium 2004
Wolfgang Max Burggraf
Solidarität als Geben und Nehmen
Seit Bestehen des Franziskanischen Bildungswerkes gibt es im Bereich der entwicklungspolitischen Bewusstseins- und Öffentlichkeitsarbeit eine regelmäßige Kooperation mit der Missionszentrale der Franziskaner. Am Franziskanergymnasium Kreuzburg und im FBW erinnern sich sicherlich einige an eine beeindruckende Studienreise nach Brasilien 1988, oder an das „Gemeinsame Entwicklungspolitische Seminar“ 1989 für engagierte junge Menschen, beides Früchte dieser Kooperation. 2004 fand nun in Rio de Janeiro ein franziskanisches Symposium statt, wo Nord-Süd-Beziehungen im franziskanischen Kontext reflektiert und aufgearbeitet wurden. Im Rahmen dieser Festschrift mag ein Blick darauf in zweifacher Hinsicht interessant sein: Einmal, weil das FBW bei vielen interkulturellen Bildungsmaßnahmen der Missionszentrale als Kooperationspartnerin dabei war, aber auch, weil methodisch vieles zur Anwendung kam, was auch in Seminaren des FBW einen angestammten Platz hat.[1]
Die Missionszentrale der Franziskaner hatte in den 35 Jahren ihres Bestehens als Hilfswerk Brasilien immer als eines ihrer Schwerpunktländer angesehen.[2] Ein großer Teil der ProjektantragstellerInnen war in Brasilien, seit fast 20 Jahren arbeiteten brasilianische FranziskanerInnen in der Bonner Geschäftsstelle der Missionszentrale,[3] modellhafte Trialog-Programme fanden seit vielen Jahren unter Einbeziehung Brasiliens statt[4] und schließlich gab es im Laufe der Jahre eine Vielzahl junger Menschen, die in mehrwöchigen bis mehrjährigen Voluntärsaufenthalten je eigene Erfahrungen mit dem Land und Menschen dort gemacht hatten. Eine Vielzahl also von Möglichkeiten, wie sich die Beziehungen eines mitteleuropäischen Hilfswerkes mit einem Land des Südens ausformen können; natürlich je und je verschieden nach den konkreten AkteurInnen. So gibt es auf Seiten der Missionszentrale die klassischen ProjektreferentInnen, die Finanzierungsanfragen bearbeiten und bei den PartnerInnen im Süden durch Korrespondenz und Projektreisen präsent sind, es gibt aber auch die brasilianischen FranziskanerInnen, die für drei oder fünf Jahre für ebendiese Tätigkeit nach Deutschland kommen und neben dieser offiziellen Aufgabe natürlich das unausgesprochene Mandat ihrer Heimatprovinzen haben, in der Missionszentrale in Bonn, dem „Zentrum der Geldvergabe“, AnwältIn zu sein für die brasilianischen (Finanz-)Bedürfnisse.
Auch in der Bildungsarbeit war das Thema „Geld“ immer präsent, unausgesprochen oder explizit, und im Laufe der Jahre wurden unterschiedliche Strategien erprobt, damit umzugehen. In den Anfangsjahren entstanden oft „Hilfsprojekte“ von Person zu Person, also in diesem Fall einer westeuropäischen TeilnehmerIn an einem solchen internationalen Seminar und einer brasilianischen TeilnehmerIn. Es gab solche „Stipendien“, die noch nach 15 Jahren einen regelmäßigen Geldfluss garantierten! Viele kritische Anfragen an die Wirkung solcher „Hilfsbeziehungen“ führten dann schließlich zu dem Versuch, materielle Unterstützung unter Teilnehmenden der Solidaritätswerkstätten auszuklammern, sollte es ja in der Idee der mitteleuropäischen Veranstalterin bei den Seminaren um „Lernen“, nicht um einen Geldtransfer gehen. Doch war diese Regel nicht lange einzuhalten. Für die europäischen Teilnehmenden war tatsächlich „Lernen“ im Vordergrund: die Befähigung, international und interkulturell zu arbeiten, Fragen von Macht und Abhängigkeit zu reflektieren, im Hier und Jetzt der interkulturellen Gruppe exemplarisch zu lernen. Die brasilianischen Teilnehmenden, sei es aus Volksbewegungen oder Nichtregierungsorganisationen, verlangten aber stets eine „Konkretisierung“. Diese Konkretisierung aber sollte nicht interkulturelle Erfahrung und Solidarkompetenz[5] sein, wie die Veranstalterin es sich gedacht hatte, sondern zeigte sich für die PartnerInnen aus dem Süden, inwieweit in den Seminaren Begegnungen mit potenziellen (Finanzierungs-)PartnerInnen in Europa hergestellt werden konnten. Unterschiedliche Erwartungen also, die eine saubere Trennung nach lernender Nord-Süd-Beziehung und helfender Nord-Süd-Beziehung nicht zuließen.
Diese Trennung aber war in der Struktur der Missionszentrale als Bildungs- und Projekt-Abteilung manifestiert. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte hatte sich eine Beziehungsstruktur zwischen dem Projektressort und ProjektantragstellerInnen einerseits und dem Bildungsressort und Institutionen der Volksbewegungen zur Auswahl möglicher TeilnehmerInnen an internationalen Seminaren bzw. zur Organisation von brasilianischen Exposureerfahrungen bei solchen Seminaren herausgebildet. Stellte für die ProjektpartnerInnen die Missionszentrale die typische europäische Geberinstitution dar, erschien sie für die PartnerInnen und Teilnehmenden der Seminararbeit einerseits mächtig, weil sie über Seminarziele und -designs entschied und die Finanzierung sicherte, stand aber für ein Europa, das in den Solidaritätswerkstätten auch ein ganz anderes Gesicht haben konnte: das Gesicht in großer Armut hausender Roma-Familien zum Beispiel in einem tschechischen Dorf, das Gesicht vereinsamter alter Menschen im Heim in Süddeutschland oder auch das Gesicht junger Menschen in Ungarn, die ihre Hoffnung auf liberale Kräfte des Marktes setzten und mit den sozialistischen Utopien der BrasilianerInnen rein gar nichts anfangen konnten. Fremdheit und Erstaunen also zwischen den jeweiligen Perspektiven der Projekt- und Bildungsarbeit, verstärkt übrigens noch durch die Haltung, den jeweils eigenen Ansatz als den ernsthafteren und eigentlichen zu begreifen: Seminare und Solidaritätswerkstätten, deren Output sich als personale Kompetenz der Teilnehmenden nur schwerlich mit Effizienzkriterien messen lässt, bleiben oft für den Projektsektor in letzter Instanz nicht notwendiges Beiwerk der Entwicklungsarbeit, während für den Bildungssektor viele Projekte „das Eigentliche“ nicht angehen, seien es die politisch-strukturellen Ursachen von Abhängigkeit, seien es die kommunikativen und persönlichen Defizite, die eine Solidarität des gegenseitigen Gebens und Nehmens erschweren.
Nun war es Ziel des fünftägigen Symposiums in Rio de Janeiro, diese Vielfalt von konkreten Projekten und Maßnahmen der Missionszentrale der Franziskaner in den vergangenen 30 Jahren zu evaluieren und der Institution für den eigenen Entscheidungsprozeß brauchbare Vorschläge für zukünftige Projektlinien und Seminarmodelle zu liefern. Gleichzeitig sollte es aber auch eine Qualifizierungsmaßnahme sein für die brasilianischen PartnerInnen der Missionszentrale und nicht zuletzt für die Missionszentrale selbst, die gegenseitigen Beziehungen in Richtung einer Solidarität des gegenseitigen Gebens und Nehmens zu entwickeln. Die Linien, an denen entlang Fremdheit und Spannungen zu erwarten waren, lagen klar auf der Hand: Geber und Nehmer, Projekte und Bildung, Macht und Abhängigkeit, Lernen und Helfen, Nord und Süd. Daneben spielten die brasilianischen FranziskanerInnen eine wichtige Rolle: Gleichwertig zur Missionszentrale der Franziskaner Mitteleuropas hatte die Brasilianische Franziskanische Familie zu dem Symposium eingeladen. Es waren also auch VertreterInnen der Franziskanischen Familie anwesend, die insbesondere mit der Seminararbeit der vergangenen Jahre keinen Kontakt hatte. Wichtig ist dabei zu wissen, dass Projekte der Missionszentrale vor Ort einer franziskanischen Beteiligung oder zumindest Befürwortung bedürfen, die Bildungsmaßnahmen dagegen jahrelang vor allem mit sozialen Bewegungen ohne die zwingende Beteiligung von FranziskanerInnen geplant wurden. Darüber hinaus gab es das Phänomen, dass ein guter Teil der in Bildungsmaßnahmen involvierten Franziskaner mittlerweile den Orden verlassen hatte, aber aufgrund der Erfahrungen und Kompetenzen zu dem Symposium eingeladen werden sollte.
Eine vielschichtige und schwierige methodische Aufgabe also! Hier soll nun näher beschrieben werden, wo Schwierigkeiten sichtbar wurden und welche positiven und konstruktiven Prozesse in Gang gesetzt werden konnten.
Ein „entlastendes Moment“: Die Zukunftswerkstatt
Wenn wir heute von der Methode der Zukunftswerkstatt reden, reicht das Spektrum, das darunter zu verstehen ist, sehr weit. Darunter fallen unter anderem Lernwerkstätten, Problemlöse- und Ideenfindungswerkstätten[6], Strategiewerkstätten[7] bis hin zu Kommunikationswerkstätten. Die Zukunftswerkstatt, die für unsere Arbeit die Grundlage bildete, ist die klassische, von Robert Jungk entwickelte Zukunftswerkstatt, die auf das Jahr 1981 zurückgeht. Ziel von Jungk war es damals, ein Beteiligungsmodell (Partizipation) zu schaffen. Geprägt und entstanden ist die klassische Form der Zukunftswerkstatt durch die politische Situation, dass BürgerInnen sich nicht bevormunden lassen wollten und ihr eigenes persönliches Geschick nicht in die Hände einiger weniger legen wollten. Es war in Deutschland die Zeit der Bürgerinitiativen. Die Zukunftswerkstatt ging davon aus, dass Betroffene selbst Anwälte ihrer eigenen Bedürfnisse werden sollten.
Die von uns angewandte Methode der Zukunftswerkstatt gliederte sich dementsprechend in drei Phasen auf. Die Kritik- und Angstphase, die Phantasie- und Utopiephase und die Verwirklichungsphase.[8] Neben diesen drei Phasen wurden ferner die grundlegenden Prinzipien der Zukunftswerkstatt angewandt :
- Deutliche Trennung von Kritik, Ideen und Lösungsvorschlägen. Häufig wird in Diskussionen alles ineinander vermischt.
- Alle Gedanken werden schriftlich festgehalten. Dadurch geht nichts verloren.
- Klare Aufgabenteilung im Ablauf der Zukunftswerkstatt. Die TeilnehmerInnen sind die Experten für das Thema, die ModeratorInnen sind für den methodischen Ablauf verantwortlich.
- Die Werkstatt verläuft in einer Wellenbewegung. In jeder Phase gibt es eine Sammelbewegung von allen Ideen und Aspekten, dann folgt eine Gewichtung der Punkte durch die TeilnehmerInnen und abschließend eine Strukturierung der Punkte.
Neben diesen sehr „klassischen“ Arbeitsschritten, wurden jedoch auch innovative Elemente für die Zukunftswerkstatt angewandt, die als Resultat des EU-Projekts „Neue Modelle der Solidarität lehren und lernen“ hervorgebracht wurden.
Um über die Ebene der Sprache hinauszugehen, wurde versucht, die drei Phasen auch visuell in Form von Bildern darzustellen. Diese Bilder, die stark durch Symbole geprägt waren, sollten einen erweiterten Zugang der einzelnen Problemphasen verdeutlichen.
So erhielt jede der drei Phasen über die klassische Benennung hinaus noch einen zusätzlichen Begriff zugeordnet.
Dies soll im folgenden dargestellt werden :
- Phase: Kritik- und Angstphase oder Angst und Bedenken. (angústia)
.
Leitfrage dazu : Wo habe ich, als Teil der zivilgesellschaftlichen Gruppen Brasiliens, Kritik bzw. was besorgt mich, wenn ich an die Erfahrungen mit Europäern und/oder der Missionszentrale der Franziskaner denke ?
2. Phase: Phantasie- und Utopiephase oder der Regenbogen (arco-iris)

Leitfrage dazu: Wie müsste eine Zusammenarbeit aussehen, damit ich zufrieden wäre und ein gutes Resultat herauskommen würde?
3. Phase : Verwirklichungsphase oder Der Regenbogen am Boden (Arco- iris no chão)

Leitfrage dazu: Wie kann das konkret gehen? Ansätze für mich. Projektorientiert.
Um den sehr unterschiedlichen Gruppen des Symposiums gerecht zu werden, wurde die Zusammensetzung der Gruppen in den Phasen der Zukunftswerkstatt geändert. So wurden in der ersten und zweiten Phase der Zukunftswerkstatt Regionalgruppen gebildet, die aus Teilnehmenden aus den gleichen oder benachbarten Regionen Brasiliens bestanden. Hierbei kam es zu einer Mischung von Menschen, mit sehr unterschiedlichen Zugängen und Erfahrungen zum Symposiumsthema (siehe Einleitung des Berichts). Die Vertrautheit aus der Regionalgruppe, das gegenseitige „Sich schon Kennen“ war hierbei ein positiver Aspekt, um sich gemeinsam auf Neues einzulassen. Dieses „Neue“ war letztendlich nicht die Methode der Zukunftswerkstatt, wie es zu Beginn allen schien, sondern vielmehr die unterschiedlichen Vorerfahrungen und Fremdheit der jeweiligen Zugänge zum gemeinsamen Symposium.
In der dritten Phase der Verwirklichung und Konkretisierung neuer Ideen teilten sich die Gruppen dann in Halbgruppen aus den Bereichen Bildung und Projekte auf. Zu beiden Bereichen konnten mehrere Gruppen gebildet werden. Diese dritte Phase, die auch zeitlich die meisten Arbeitseinheiten beinhaltete, brachte innerhalb der unterschiedlichen Gruppen auch fruchtbare konkrete „Projekte“ (Vorschläge) hervor.
Auch diese Aufteilung und Neuzusammensetzung von Gruppen innerhalb einer Zukunftswerkstatt war ein innovatives Element.
Die in der Zukunftswerkstatt klar strukturierte und zielgerichtete Arbeitsweise entsprach den Erwartungen der brasilianischen TeilnehmerInnen. So konnten sie sich problemlos auf diese ihnen neue Methode aus Europa einlassen, ohne die Angst zu verspüren, „verzweckt“ zu werden.
So entstand in diesen Arbeitsphasen der Zukunftswerkstatt ein „entlastendes Modell“ des gemeinsamen Arbeitens.
Vom Umgang mit Fremdheit: Die Auszeiten
Insgesamt also war durch die vorgegebene Struktur der Zukunftswerkstatt ein klarer Weg vorgegeben, der den TeilnehmerInnen des Symposiums die verschiedenen Schritte und das Ziel der Veranstaltung anschaulich vor Augen führte. Die gesamte Zeitstruktur war auf Plakaten visualisiert und jederzeit einsehbar. Eine für den inhaltlichen und gruppendynamischen Prozess wichtige Phase, die Auszeiten nämlich, wurden aber anfangs von den Teilnehmenden im Ablaufplan kaum wahrgenommen. Zwischen den verschiedenen Phasen der Zukunftswerkstatt war jeweils eine Arbeitseinheit vorgesehen, die den thematischen Fluss der Zukunftswerkstatt verließ. Vorher war für diese drei Auszeiten im pädagogischen Team ein brasilianischer Begriff gefunden worden: parada contemplativa. Immer wieder zeigte sich in den jahrelangen Erfahrungen mit Seminararbeit, dass der thematische Prozess gelegentlich Unterbrechungen braucht, um jenseits von Gruppenkonventionen und Tabus die eigentlichen Themen zu benennen und zu bearbeiten.[9] Allerdings machen solch „offene“ Einheiten zur Bearbeitung des Erlebten im Hier und Jetzt in der Regel den Teilnehmenden Angst, weil sie ein solches Arbeiten nicht kennen und so auch keine positiven Erlebnisse damit verbinden können. Die Generierung von Themen aus dem gruppendynamischen Prozess wird gerade bei aktionsorientierten Gruppen aus sozialen Bewegungen in Lateinamerika gerne als un- oder gar apolitische Nabelschau gesehen. Daher war es im Symposium notwendig, diese Reflexionsebene sozusagen verdeckt einzuführen.
Das Ergebnis gab dann aber der didaktischen Konzeption mit Auszeiten recht: Deutliche Lerneffekte und eine insgesamt hohe persönliche Identifikation mit dem thematischen Prozess und den Ergebnissen waren die Folge. So zeigte sich zum Beispiel in einer der Teilgruppen in der ersten Auszeit, dass das Thema Fremdheit durchgängig in verschiedenen Facetten präsent war. In den Beiträgen zur ersten Phase der Zukunftswerkstatt hatte sich gezeigt, dass die Fremden nicht nur die jeweiligen (europäischen) Projekt- oder SeminarpartnerInnen sind, sondern dass die unterschiedlichen Erfahrungen aus Projekt- oder Seminarzusammenhängen Fremdheit auch unter den brasilianischen SymposiumsteilnehmerInnen erzeugte. Verschiedene Kulturen trafen nicht nur zusammen aus Europa und Brasilien, sondern auch aus Sozialen Bewegungen einerseits und FranziskanerInnen andererseits, oder eben zwischen Menschen mit Erfahrungen aus der Projektzusammenarbeit und denen, die an Seminaren teilgenommen hatten und beinahe in einer Insidersprache von ihren Erfahrungen berichteten, weil sie das Wissen über die Struktur solcher Seminare (Seminardesign) einfach voraussetzten. Auch äußerten sich einige aus einer anderen Region Brasiliens stammende Teilnehmende sehr persönlich über ihre Erfahrung, innerhalb Brasiliens fremd zu sein.
So war durch die Benennung dieser Situationen als „Fremdheit“ eine Kategorie bewusst geworden, die in den späteren Phasen der Zukunftswerkstatt und den späteren Auszeiten hilfreich war, präziser auf die Beziehungen untereinander zu schauen. Deutlich wurde auch, dass Fremdheit ein Unwohlsein auslöst, für das es zweierlei Bewältigungsstrategien gibt: Einmal sei der Faktor Zeit schuld am einander-fremd-Bleiben; Arbeitseinheiten werden ausgedehnt und Pausen gekürzt, ohne aber einen wirklichen Erfolg. Andererseits wird der Grund in fehlender Information (über den jeweils anderen) gesucht, aber auch mehr Information macht die bleibende Fremdheit nur noch schmerzhafter. So war das Ergebnis dieser ersten Auszeit, dass weder ein Mehr an Zeit, noch an Information von der Situation der Fremdheit erlösen können. Es gilt sie auszuhalten und als Kategorie jedes internationalen und interkulturellen Handelns zu akzeptieren.
In der zweiten Auszeit derselben Teilgruppe kam es zu einer Schlüsselsituation, was das Verständnis von Blockaden in Solidaritätsbeziehungen betrifft.[10] Die Auszeit wurde eingeleitet, indem der Moderator eine Runde anregte, in der jedeR zu Wort kommen sollte und nicht über andere Beiträge diskutiert werden sollte. A. begann die Runde damit, er täte sich schwer in einer Runde von überwiegend Ordensleuten, von denen er nicht wisse, wie sie wirklich über seine Organisation denken. A. war Vertreter der Landlosenbewegung MST, die immer wieder Landbesetzungen durchführt und dafür in der Kritik der brasilianischen Mittel- und Oberschicht steht. Als A. zum zweiten Mal seine Unsicherheit in dieser Runde thematisiert, fragt der Moderator nach: „Was befürchtest du, könnte dir in dieser Runde passieren?“ A. berichtet, dass die Aktionen seiner Bewegung in Brasilien oft abgelehnt werden und er nicht weiß, wie die anwesenden Ordensleute dazu stehen. „Hilft es dir, wenn du von den anwesenden Ordensleuten hörst, wie sie zum MST stehen?“ fragt der Moderator. A. bejaht und eine Runde beginnt, wo er sehr persönliche und differenzierte Rückmeldungen bekommt. Da meldet sich einer der wenigen Nicht-Ordensleute B. und startet eine philosophische Abhandlung über die Wichtigkeit der Arbeit des MST in Brasilien. Nach einiger Zeit unterbricht der Moderator und spricht A. an: „Ist es für dich hilfreich, wenn B. eine philosophisch-theoretische Abhandlung über den MST macht?“ A. verneint und der Moderator fordert ihn auf: „Es ist deine Zeit, die verbleibenden 20 Minuten. Hol dir selbst von denen eine Rückmeldung, von denen du eine solche haben willst!“ A. spricht gezielt die restlichen Ordensleute an; B. schweigt. Zwei Tage später macht B. im Plenum deutlich, er habe in der Auszeit viel gelernt.
Beide Auszeit-Sequenzen zeigen, dass für Solidarkompetenz wichtige Inhalte wie hier das Thema Fremdheit und die Blockade durch ungefragte VielrednerInnen (die sich zudem abstrakt und nicht persönlich einbringen) nicht im ersten Fluss der Arbeit (hier der Zukunftswerkstatt) auftauchen. Auszeiten geben die Möglichkeit, diese Dinge zu thematisieren und ihren Zusammenhang mit dem Erreichen des Arbeitszieles darzustellen. Entlastend ist dabei, dass nach einer Auszeit – also nach 90 Minuten – die Rückkehr zum Arbeitsfluss der Zukunftswerkstatt garantiert ist. So kann vermieden werden, dass in einem an dieser Stelle störenden Autoritätskonflikt jede Erfahrung von Misslingen der Methode und dem Leitungsteam, das diese Methode anwendet, angelastet wird.
Insgesamt wurde von brasilianischen TeilnehmerInnen immer wieder bemerkt, dass es sich bei der hier praktizierten Zukunftswerkstatt mit Auszeiten um nichts anderes handle, als die in Brasilien übliche Methode des „Sehen – Urteilen – Handeln“. Im pädagogischen Team war klar, dass dies nicht der Fall war, doch wollte das Team dies nicht thematisieren. Die Vorstellung, hier würde eine in Brasilien überall praktizierte Methode angewandt, gab den Teilnehmenden Sicherheit, und diese Sicherheit war notwendig, um in einer einigermaßen vertrauensvollen Atmosphäre auch heikle Themen anzugehen, wie dies in den Auszeiten geschah.
Lernen an Bruchstellen: Der Fishbowl (aquario)
Ebenso wie der Wechsel zwischen thematischer Arbeit und gruppen- bzw. personenzentrierter Arbeit arbeitete die Methode „aquario“ mit Brüchen im Arbeitsfluss und der Infragestellung des soeben Erreichten.
Die dritte Arbeitsphase der Zukunftswerkstatt „arco iris no chão“ wurde abgeschlossen mit einer ausführlichen Präsentation der Vorschläge und konkreten Modelle der verschiedenen Kleingruppen. Sie wurden auf Plakaten visualisiert und zusätzlich vorgelesen, was im Plenum die Fülle konkreter Ergebnisse bewusst werden ließ. Nach in Brasilien üblicher Tagungsdidaktik hätte sich nun eine eingehende Plenumsdiskussion der Vorschläge und Ergebnisse angeschlossen. Entgegen dieser allgemeinen Erwartung erfolgte nun ein Bruch im Tagungsverlauf. Einige frühere Teilnehmende von Solidaritätswerkstätten kannten die Methode „aquario“ bereits, für die meisten war sie aber unbekannt. Selbst im großen pädagogischen Team musste sie von drei erfahrenen Leitungsmitgliedern durchgesetzt werden, entsprachen Methode und auch der dann vorgegebene Inhalt doch gar nicht dem Gefühl der Gruppe, sich nun auf dem Erreichten ausruhen zu können.
Im Plenum wurde der „aquario“ als Methode intensiven Arbeitens vorgestellt. Sechs vorher von der Leitung ausgewählte Personen wurden in einen Innenkreis gebeten, in dem dazu ein freier Stuhl stand. Der große Außenkreis wurde in vier Sektoren aufgeteilt: jeder Sektor bekam eine Beobachtungsaufgabe zugeteilt:
- Wo haben sich konträre Positionen unversöhnlich verfestigt?
- Wo sind DiskussionspartnerInnen aufeinander zugegangen?
- Wo haben „Killerargumente“ stattgefunden, die eine weitere Diskussion verunmöglichten?
- Wo wurden Allianzen eingegangen?
Danach wurden die „Spielregeln“ mit dem Hinweis erklärt, sie dienten einem intensiveren Arbeiten am Thema:
- Nur der Innenkreis hat Rederecht.
- Eine Person aus dem Außenkreis hat sofort Rederecht, sobald sie sich auf den freien Stuhl setzt, d. h. sie unterbricht damit die sprechende Person im Innenkreis.
- Nach dem Wortbeitrag muss sich diese Person wieder in den Außenkreis setzen.
- Die Diskussion wird von der (Spiel-)Leitung nach einem Zeitraum von exakt 35 Minuten beendet.
- Die Leitung hat die Aufgabe, strikt auf die Einhaltung der Regeln zu achten.
Die erfahrene Leitung sagte die verbleibende Zeit an („noch 15 Minuten“, „noch sieben Minuten“, „noch zwei Minuten“ ...), um das subjektive Gefühl der knappen Ressource Zeit zu erhöhen, also Innen- und Außenkreis unter Stress zu setzen. Um zu vermeiden, dass negative Erfahrungen in diesem Trainingsprozess im Nachhinein auf die autoritäre Leitung bzw. die fasch gewählte Methode zurückgeführt werden, wurde die autoritäre Rolle der Spielleitung schon am Anfang auf sympathische Weise eingeführt.
Nun eröffnete die Leitung mit folgendem Thema die Diskussion im „aquario“:
- Solidarität ist die Pflicht des Nordens, den Reichtum zurückzugeben, der von 1500 bis heute geraubt wurde.
Vorsichtig und durchaus differenziert näherte sich der Innenkreis diesem provokanten Thema an. Bald schon wurde der freie Stuhl durch Personen des Außenkreises besetzt, wobei die Personen sich meist während eines Wortbeitrages setzten, was die sprechende Person regelgemäß sofort, also mitten im Satz, unterbrach. Die Spielleitung achtete streng darauf. Bald schon zeichnete sich ab, dass besonders eine Person des Außenkreises die Diskussion im Innenkreis immer wieder abbrach. Diese Person war mit der Dynamik des „aquario“ als ehemaliger Teilnehmer einer Solidaritätswerkstatt vertraut, platzierte sich auch vor Beginn bereits im Aussenkreis in der Nähe des freien Stuhles, was ein rasches sich Hinsetzen ermöglichte. Als die letzten beiden Minuten angesagt wurden, waren die Personen im Innenkreis durch die ständige Frustration des Unterbrochen-Werdens derart gelähmt, dass sie schwiegen und die verbleibende Zeit verstreichen ließen.
Interessant nun war die Kleingruppenarbeit der vier Außenkreissektoren, die gemäß ihrer Beobachtungsfrage ihre Beobachtungen redigieren sollten. In einigen Kleingruppen wurde die Gewalt thematisiert, die aus dem Außenkreis durch Besetzen des freien Stuhles mitten in einem Wortbeitrag dem wehrlosen Innenkreis angetan wurde. Dabei ging es nicht um ein wirkliches Voranbringen des Themas, wurden doch viele differzierte und weiterführende Argumentationen im Innenkreis immer wieder brutal unterbrochen. Ausgerechnet Personen, die vorher sich im inhaltlichen Arbeiten der Zukunftswerkstatt als Anwälte von Solidarität und Gerechtigkeit hervorgetan hatten, waren im Experiment des „aquario“ auffallend unsolidarisch und gewalttätig.
Dieser Widerspruch zwischen Anspruch und Handeln war nun nicht nur in den vier Arbeitsgruppen zu den Beobachtungsfragen Thema, sondern noch tagelang im informellen Gespräch. Diese Enttäuschung und Frustration war durch die SymposiumsteilnehmerInnen nur deshalb auszuhalten, weil vorher konkrete Arbeitsergebnisse erreicht und auch dokumentiert worden waren. Dennoch hatte niemand das Gefühl, sich auf dem Erreichten ausruhen zu können, sondern erst bei der konkreten Verwirklichung der vielen Vorschläge die Bewährungsprobe der Praxis noch bestehen zu müssen.
Kompetenz durch eigene Erfahrung: Das Team – vorab ein kleines Symposium
Bis hierher dürfte nun klar geworden sein, welch komplexe Aufgabenstellung die Durchführung des Symposiums bedeutete. Einerseits waren die Erwartungen der Zielgruppe äußerst groß, was konkrete „Ergebnisse“ anging. Es wurde als großes Privileg empfunden, zu den 120 Teilnehmenden zu gehören. In den Regionen hatten Auswahlprozesse stattgefunden und längst nicht alle, die teilnehmen wollten, konnten auch teilnehmen. „Ergebnisse“ mochte für die Teilnehmenden heißen, die Zusammenarbeit mit der Missionszentrale fortzusetzen oder zu intensivieren, was auch immer mit einer Bereitstellung von Ressourcen von Seiten der Missionszentrale verbunden ist. Andererseits war die Missionszentrale interessiert an einer Evaluierung in dem Sinne, Auswirkungen und Implikationen jahre- und jahrzehntelanger Projekt- und Seminarzusammenarbeit qualitativ und quantitativ mitgeteilt zu bekommen. Darüber hinaus war es das Interesse beider Trägerinstitutionen, der Familia Franciscana Brasileira und der Missionszentrale, das Symposium als Fortbildungs- und Qualifizierungsmöglichkeit zu benutzen für die unterschiedlichen KooperationspartnerInnen in Sachen Solidarkompetenz
Diese anspruchsvolle Aufgabe sollte nun mit einem Seminarmodell bearbeitet werden, das in einem anderen Kontinent (im Rahmen des EU-Projektes) entwickelt wurde. Von dem zehnköpfigen „Pädagogischen Team“, das aus in ihrem Kontext jeweils sehr erfahrenen Personen bestand, hatten aber nur vier Personen direkte Erfahrungen mit dem EU-Projekt. Zumal waren unter diesen vier Personen zwei Ausländer, nämlich Deutsche.
Hier bewährte sich wiederum ein im EU-Projekt praktiziertes Prinzip, nämlich mit dem Leitungsteam in einer Art Schnelldurchgang den methodischen Ablauf vorweg zu erproben, und zwar nicht nur theoretisch, sondern praktisch und erfahrungsorientiert, sodass beim eigentlichen Symposium das gesamte pädagogische Team auf eigene Erfahrungen als Teilnehmende mit dieser Methode zurückgreifen konnte und sich – nun in der Leitungsrolle – gut in die Situation der Teilnehmenden hineinversetzen konnte.
Für diesen Vorprozess des pädagogischen Teams wurden zwei Tage veranschlagt, während das eigentliche Symposium auf fünf Tage angelegt war. Nach dem Symposium war dann noch einmal zwei Tage Zeit, um im Team die Erfahrungen in der Leitungsrolle und mit den jeweiligen methodischen Schritten nachzubesprechen. So waren die insgesamt vier Tage in der Gruppe des Leitungsteams selbst als qualifizierende Fortbildung angelegt.
Inzwischen wurde genau diese Art und Weise der methodischen Fortbildung für das Leitungsteam im Rahmen der Missionszentrale mehrfach angewandt. So wird in Bibelwerkstätten der Missionszentrale für Kirchen- und Katholikentage ähnlich gearbeitet. Dem Einsatz in der Leitungsfunktion geht die eigene Erfahrung als TeilnehmerIn unmittelbar voraus.
Bilder prägen das Unbewusste: Tanz als Arbeitsmedium – die Notwendigkeit der Vermittlung
Beim Abschluss-Symposium des EU-Projektes „Solidarität lehren und lernen“[11] wurde eine prinzipielle Schwierigkeit erfahrungsorientierten Arbeitens deutlich: Als am letzten Symposiumstag ExpertInnen eingeladen waren, um ihnen die Arbeitsweise des Symposiums und dessen Ergebnisse vorzustellen, kam es zu einer sehr spannungsgeladenen Situation. Es war zwar wohl gelungen, die Arbeitsweise des gesamten EU-Projektes verständlich darzustellen. Als dann aber die Ergebnisse der beiden Symposiums-Arbeitsgruppen im Plenum vorgestellt wurden, verhinderten die gegebenen Grenzen der Plenumsmethode eine adäquate Vermittlung der Ergebnisse. In der Theorie-Praxis-Gruppe ging es noch ganz gut, aber in der Praxis-Theorie-Gruppe war das Ergebnis frustrierend. Der (selbst-) erfahrungsorientierte methodische Ansatz in dieser Gruppe führte in der Präsentation zu Stich- und Schlüsselwörtern, die auf einem großen Baum mit Ästen und Wurzeln[12] auf dem Boden ausgelegt wurden.
Einer der Teilnehmer der Theorie-Praxis-Gruppe fühlte sich herausgefordert zu dieser provokanten Bemerkung: „Dieses Symposium ist sehr hoch gehängt in seiner Bedeutung für die Entwicklung exemplarischer solidarische Modelle. Hier jedoch ist ein Ergebnis zu sehen, das in jedem Fachhochschulkurs für SozialpädagogInnen auch so zu sehen wäre. Es sind Selbstverständlichkeiten, und die vorgegebene wichtige exemplarische Bedeutung des Arbeitens hier ist in Wirklichkeit eine Wiederholung immer schon praktizierter Pädagogik und keineswegs ein neues Ergebnis.“ Dieser Teilnehmer konnte aus der Ergebnispräsentation keineswegs den Tiefgang entnehmen, der aber tatsächlich in der Arbeit der Praxis-Theorie-Gruppe gegeben war.[13] Im folgenden handfesten Streit wurde ein intellektuelles und vor allem emotionales Nicht-Verstehen deutlich, das in einer allgemeinen Frustration endete. Zwar war es der Moderation gelungen, auch in dieser emotional aufgewühlten Situation mit viel Erfahrung in der Moderation mehrsprachiger Gruppen zu gewährleisten, dass auch Streit bis hin zu Beschimpfungen für alle SprachteilnehmerInnen durch konsequente konsekutive Übersetzung zugänglich gemacht wurde. Aus der Perspektive der Sprachmittlung in gruppendynamischen Prozessen kann diese Sequenz wohl als modellhaft bezeichnet werden, konnten doch auch die nicht muttersprachlich am Plenum Beteiligten inhaltlich und emotional den Konflikt mitvollziehen. Was die Vermittlung der Ergebnisse aus der Praxis-Theorie-Gruppe jedoch angeht, war dieses Plenum unter Einbeziehung von ExpertInnen von außen gescheitert.
Daher entschied sich die Seminarleitung in Brasilien, mit nonverbalen und künstlerischen Methodenelementen in der inhaltlichen Symposiumsarbeit zu experimentieren.
Ein Vorversuch für den Einsatz künstlerischer Mittel zur Vertiefung von Schlüsselerfahrungen wurde bereits 2003 bei einem ähnlichen Symposium in Rumänien unternommen. Der Musiker Werner Dannemann (Komponist und Rockgitarrist) begleitete das Symposium auf besondere Weise: Er sollte am Ende eines Arbeitstages des Symposiums seine Sichtweise des Gruppenprozesses und der Themenentwicklung in einer musikalischen Improvisation der Gruppe zurückspiegeln. Es zeigte sich, dass dies ein für die Sprachfindung sinnvolles Mittel sein kann. Allerdings musste die Gruppe erst lernen, dass Musik keine Unterbrechung, keine Pause im Arbeitsprozess bedeutet, sondern ein inhaltlicher Beitrag ist. Ebenso wurde nun in Brasilien 2004 mit Tanzimprovisation gearbeitet. Zwei Tänzer und eine Tänzerin beobachteten den Seminarprozess und gaben dem Plenum zweimal während des Symposiums ihre Sicht durch eine Tanzimprovisation zurück. Dies war für den Gruppen- und Themenprozess sehr hilfreich, boten die Improvisationen doch auch dann einen guten Blick auf das Thema, wenn es sehr angestrengt und kontrovers diskutiert wurde. Für die Präsentation nach außen, also für die am vorletzten Symposiumstag eingeladenen ExpertInnen, wurde das Medium Tanz dieses Mal noch nicht verwendet. Aber für die Zukunft könnte es durchaus ein Mittel für die Vermittlung intensiver interner Prozesse nach außen sein.
Theorie-Praxis- oder Praxis-Theorie-Zirkel?
Das Symposium 2004 in Brasilien als Anwendungserprobung des Seminarmodells aus dem EU-Projekt „Solidarität lehren und lernen“ war insgesamt eine Bestätigung der Praktikabilität des Modells. Der Theorie-Praxis-Zirkel, der sonst üblicherweise einen theoretischen Entwurf in der Praxis erprobt, war hier in einen Praxis-Theorie-Zirkel verändert, ja umgekehrt. Der methodische Ansatz wollte die Praxiserfahrungen der Teilnehmenden aus ihrer jeweiligen Alltagswirklichkeit lebendig werden lassen und gleichzeitig die Praxiserfahrungen im Hier und Jetzt des Symposiums nutzen, um sowohl Themenergebnisse zu erzielen, als aus Solidaritätslernen zu bewirken. Neben konkreten Planungsergebnissen wurden auch Lernergebnisse erzielt, die als Erfahrung, als emotionale Erinnerung weiterwirken und in der jeweiligen biographischen Verarbeitung erst zukünftig theoretisch formuliert werden. Im Sinne eines Praxis-Theorie-Praxis-Zirkels werden die nun reflektierten Erfahrungen des Symposiums wieder in ein Praxisprojekt einfließen.
Im Vorfeld der 3. Europäischen Ökumenischen Versammlung in Hermannstadt 2007 werden wiederum Missionszentrale der Franziskaner und Internationales Diakonatszentrum in einem EU-Kooperationsprojekt sozialpastorale Projekte im Bereich der Orthodoxie, der Römischen und des Lutheraner Kirchen miteinander ins Gespräch bringen. Wie schon beim Symposium in Brasilien ist zu erwarten, dass es auf wiederum ganz andere Weise um Fremdheit gehen wird. Als Impuls aus der Praxis für die zukünftige Praxis wird gelten: Momente der Fremdheit werden durch Momente des Vertrauten erträglicher gemacht. Ebenso ist Neugierde ein positives Element in der Bearbeitung schwieriger Themen. Durch die europäische Geschichte wird es in dem neuen Seminarprozess Situationen geben, die nicht durch theoretische Diskussion und Einsicht zu lösen sind. So ist die Unterdrückungserfahrung einer griechisch-katholischen Kirche nicht von heute auf morgen zu beseitigen, sie wird einen Dialog mit der Orthodoxie behindern. Als verbindendes Element werden wir im Seminardesign berücksichtigen, dass die pastorale Situation in der gesellschaftlichen Realität für beide Kirchen heute ähnlich sein wird. Konkrete Praxiserfahrungen könnten eine Gemeinsamkeit herstellen, auf deren Hintergrund die (historische) Differenz erträglicher wird. Ebenso kann es helfen, Begegnungen zum Beispiel von Orthodoxen des einen Landes mit den griechischen Katholiken eines anderen Landes zu schaffen. Die historische Konfrontation lebt nicht direkt wieder auf, sondern es könnte zunächst eine Neugierde auf die Lebensrealität des anderen Landes überwiegen. Neugierde ist ein positives Element, das es erleichtert, über den Umweg des anderen Landes vorsichtig auf die Konfrontationslinien der eigenen Realität zurückzukommen. Auf diesem Weg liegen aber viele persönliche Erfahrungen in „Auszeiten“ und „Unterbrechungen“, dass eine direkte Konfrontation nicht mehr stattfinden wird, sondern durch viele neue und überraschende Aspekte aufgelockert sein wird.
[1] Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Diakon Klaus-Jürgen Kauß, Geschäftsführer des internationalen Diakonatszentrums in Rottenburg.
[2] Leonardo Boff: Missionszentrale der Franziskaner – Charisma und Macht, in: Hrsg.: Norbert Arntz, Raúl Fornet-Betancourt, Georg Wolter, Werkstatt „Reich Gottes“ – Befreiungstheologische Impulse in der Praxis, Frankfurt 2002; S. 309 ff.
[3] Ludger Weckel: Internationale Teams – eine Chance solidarischen Lernens?!, in: Hrsg.: Monika Treber, Wolfgang Burggraf, Nicola Neider, Dialog Lernen – Konzepte und Reflexionen aus der Praxis von Nord-Süd- Begegnungen, Frankfurt 1997; S. 239 ff.
[4] Nicola Neider: Das „Gemeinsame Entwicklungspolitische Seminar“ – solidarisches Engagement im interkulturellen Dialog, in: Hrsg.: Monika Treber, Wolfgang Burggraf, Nicola Neider, Dialog Lernen – Konzepte und Reflexionen aus der Praxis von Nord-Süd- Begegnungen, Frankfurt 1997; S. 86 ff.
[5] vgl. Wolfgang Burggraf, Stefan Herbst, Konfliktlinien und Konzepte – Befreiungstheologie in der Bildungsarbeit heute, in: Hrsg.: Norbert Arntz, Raúl Fornet-Betancourt, Georg Wolter, Werkstatt „Reich Gottes“ – Befreiungstheologische Impulse in der Praxis, Frankfurt 2002; S. 289 ff.
[6] vgl. Olaf Albers, Arno Broux : Zukunftswerkstatt und Szenariotechnik – Ein Methodenbuch für Schule und Hochschule, Herausgegeben von Peter Thiesen, Belz Verlag – Weinheim und Basel 1999
[7] Olaf Albers : Gekonnt moderieren : Zukunftswerkstatt und Szenariotechnik, Regensburg, Düsseldorf, Berin 2001
[8] vgl. Robert Jungk, Norbert R. Müllert : Zukunftswerkstätten – Mit Phantasie gegen Routine und Resignation, Heyne Sachbuch Nr. 19/73, 6. Auflage 1989
[9] vgl. Wolfgang Burggraf: Das „Soli-Sympi-Seminar“ oder die Erprobung von Verhaltensweisen weltweiter Solidarität, in: Hrsg.: Monika Treber, Wolfgang Burggraf, Nicola Neider, Dialog Lernen – Konzepte und Reflexionen aus der Praxis von Nord-Süd- Begegnungen, Frankfurt 1997; S. 121 ff.
[10] vgl. Klaus-Jürgen Kauß, Lerngewohnheiten und Lernwiderstände in Workshops mit TeilnehmerInnen aus der „Ersten“ und „Dritten“ Welt, in: Hrsg.: Monika Treber, Wolfgang Burggraf, Nicola Neider, Dialog Lernen – Konzepte und Reflexionen aus der Praxis von Nord-Süd- Begegnungen, Frankfurt 1997; S. 207 ff.
[11] Klaus-Jürgen Kauß und Godehard König in Diaconia Christi ½ 2002 : Symposium zu „Konfliktkompetenz – Dialogkompetenz – Solidarkonpetenz“ S. 7 - 18
[12] ebda. S. 14






