Die Herausforderung des Fremden
Überlegungen zur Supervision interkultureller Arbeitszusammenhänge
Elisabeth Rohr
Die Herausforderung des Fremden
- Überlegungen zur Supervision
interkultureller Arbeitszusammenhänge
1 Die Erfolge und Mühen des interkulturellen Dialogs
Die Begegnung, der Austausch und die Kooperation zwischen Jugendgruppen und Gemeinden über nationale und kulturelle Grenzen hinweg sind zentrale Anliegen der Christlichen Initiative Internationales Lernen (CIL) und der Missionszentrale der Franziskaner (MZF). In der von beiden Organisationen geleisteten interkulturellen Zusammenarbeit konnte eine erfolgreiche und positive Bilanz gezogen werden: vielfältige Annäherungen gelangen, positive Erfahrungen des Austausches konnten vermittelt werden, Verständigung und Dialog zwischen Menschen und Gemeinden verschiedener Kulturen sind gewachsen und Vernetzungen entstanden, die auf gegenseitigem Respekt, auf Toleranz und schließlich auch auf der Freude und der Lust an interkultureller Begegnung aufbauen.
Die Erfahrungen haben allerdings auch gezeigt, daß der interkulturelle Dialog und die Begegnung grundsätzlich schwierige und äußerst komplexe, manches Mal auch mühsame Prozesse sind. Dabei lassen sich weder Irritationen, noch Spannungen oder Konflikte vermeiden. Dies mag zwar mit persönlichen, das heißt schlicht menschlichen Unzulänglichkeiten zu tun haben. Dies sind jedoch nicht die entscheidenden Gründe für Schwierigkeiten und Mißverständnisse, die neben allen bereichernden und lustvollen Erfahrungen auch (unvermeidbarer) Teil dieser Arbeit sind.
2 Supervision in interkulturellen Leitungsteams
Um die Erfahrungen in den interkulturellen Programmen der CIL und der MZF reflektieren und auswerten zu können, gab es zu Projektbeginn die Entscheidung, die Programme durch Supervision begleiten zu lassen. Dies geschah in zwei verschiedenen Settiungs für die Mitarbeiter/-innen, die die verschiedenen Programme geleitet haben.
Das erste Setting bestand aus insgesamt zwei Treffen, bei denen lediglich die deutschen Mitarbeiter/-innen der Programme an jeweils drei Tagen zusammenkamen, um ihre Erfahrungen anhand von konkreten Fallbearbeitungen mit Hilfe einer Supervisorin zu reflektieren.
Im zweiten Setting trafen sich die aus fünf Ländern an den Programmen beteiligten Mitarbeitern/-innen, die innerhalb einer Woche die Programme auswerten wollten. Dies wurde an zwei Tagen von zwei im interkulturellen Kontext erfahrenen Supervisoren/-innen begleitet. Das Setting dieser Woche hatte in mehrfacher Hinsicht experimentellen Charakter:
– Die Gruppe war mehrsprachig, das heißt, es mußte ständig mit Übersetzung gearbeitet werden.
– Die Gruppe war sehr groß; sie bestand aus insgesamt 18 Personen und kam in dieser Form nur ein Mal zusammen.
– Die Mitglieder der Gruppe hatten, entsprechend ihren jeweiligen beruflichen Kontexten, unterschiedliche bzw. keine Erfahrungen mit Supervision.
Die Supervisionsmethode wollte dabei den spezifischen Erfordernissen und Bedingungen gerecht werden, die in interkulturellen Begegnungen entscheidend sind. Wichtige Hinweise für die Entwicklung dieser Methode erwachsen aus den Erkenntnissen der Ethnopsychoanalyse.
3 Der Beitrag der Ethnopsychoanalyse
zur Reflexion interkultureller Begegnungen
Die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen ist grundsätzlich ein von vielerlei Ängsten, aber auch von Faszination geprägter Prozeß. Darauf hat vor allem die in diesen Bereichen traditionell erfahrene Ethnopsychoanalyse - eine Forschungsrichtung, die Ethnologie und Psychoanalyse zu verbinden sucht - aufmerksam gemacht. In kritischer Abgrenzung zu der vielfach als koloniale Wissenschaft diskreditierten Ethnologie, bemüht sich die Ethnopsychoanalyse darum, die zum Teil hochbrisanten Forschungsbeziehungen zu durchleuchten und dadurch Einsicht zu gewinnen in die Komplexität und Vielschichtigkeit des interkulturellen Dialogs und der Begegnung mit Menschen aus fremden Kulturen.
Einer ihrer prominentesten Vertreter und geistiger Vater der Ethnopsychoanalyse, der französische Anthropologe und Psychoanalytiker Georges Devereux, ist in seinen zahlreichen Studien zum Ergebnis gelangt, daß eine jede Kultur das gleiche psychische Material auf verschiedene Art und Weise behandelt.[1]
Die eine unterdrückt es, eine andere begünstigt seine offene, manchmal sogar übermäßige Ausprägung [...]. Die Untersuchung fremder Kulturen zwingt deshalb den Anthropologen oft, bei der Feldforschung Material zu beobachten, daß er selbst verdrängt.[2]
Devereux sagt also, daß die Begegnung mit Fremdem immer eine Begegnung mit den verdrängten, unbewußten Konflikten der eigenen Persönlichkeit und Gesellschaft ist.
Auf dieses Phänomen haben auch Mario Erdheim und Maya Nadig[3] hingewiesen, als sie die Begegnung mit der fremden Kultur als einen „Prozeß des sozialen Sterbens“ bezeichneten, wobei die klassen-, kultur- und zum Teil geschlechtsspezifischen Rollenidentifikationen, die unsere Identität stützen, zerfallen. „Alteingesessene Identitätsstützen kommen ins Wanken, und der Abwehrcharakter der Wahrnehmung und Kommunikation schächt sich ab.“[4]
Das bedeutet in seiner Konsequenz, daß im Prozeß des sozialen Sterbens nicht nur tabuisierte Konflikte der Gesellschaft, sondern auch existentielle Konflikte des Individuums wiederbelebt und erneut zur Debatte gestellt werden.
Der in der interkulturellen Arbeit in Bewegung gebrachte Prozeß des sozialen Sterbens greift so auch die kulturtypischen Codierungen der Identität an und reaktiviert lebensgeschichtlich verdrängte Konflikte der je individuellen Sozialisation und verführt zur Wiederholung bzw. drängt nach einer neuen Lösung.[5]
Ganz gleich wie gut der Einzelne auf interkulturelle Begegnungen vorbereitet ist, wieviel an guten Willen er oder sie mitbringen oder über wieviele Vorerfahrungen sie verfügen, immer gilt: die Begegnung mit Fremdem erzeugt zwangsläufig Krisen und kann zu existentiellen Erschütterungen der Identität führen. Unter solchen Bedingungen aber gelingt eine realitätsgerechte Wahrnehmung des Fremden nicht mehr, denn starke Emotionen überschatten die Vernunft und setzen sie partiell außer Kraft.
Dieser Vorgang wird noch verständlicher, wenn der oben beschriebene Prozeß des sozialen Sterbens auf dem Hintergrund psychoanalytischer Erkenntnisse als Ausdruck von „Regression“ begriffen wird: Damit ist ein psychischer Vorgang gemeint, der wie im Traum oder beim Weinen, bestimmte Kontrollmechanismen (Ich-Funktionen) außer Kraft setzt und eine Wiederbelebung frühkindlicher Erlebnisweisen, Affekte und Erinnerungen herbeiführt.[6]
Regressionserscheinungen sind immer mit Orientierungslosigkeit, mit partiellem Realitätsverlust und mit Wahrnehmungsverzerrungen verbunden, die Gefühle von Angst und Ohnmacht, aber auch von Lust und Verführung freisetzen.
So werden im Zustand der Regression die Fesseln des Alltagsbewußtseins abgestreift und ein Mehr an Lust und Genuß ist möglich, doch die größere Triebfreiheit löst auch Angst aus und wird als Verführung erlebt und erhöht damit das Maß an Verletzlichkeit.[7]
Daraus erklärt sich nun, warum gerade die interkulturelle Arbeit einerseits so mühsam und anstrengend, andererseits aber auch so lustvoll und bereichernd ist: Denn im Dialog und in der Begegnung mit Menschen in einer fremden Kultur ist vieles möglich, was in der eigenen Kultur und Gesellschaft als unmöglich erscheint. Der Einzelne kann sich in größeren, individuellen und kulturellen Freiräumen bewegen, die fremde Kultur als ein Experimentierfeld bislang eher unterdrückter Wünsche und Sehnsüchte begreifen. Es können Grenzüberschreitungen, neue Interaktions- und Kommunikationsmuster erprobt werden. Doch all dies löst auch starke Verunsicherungen aus, denn alte Rituale der Selbstvergewisserungen schwinden, man bewegt sich in unbekannten Territorien menschlichen Verhaltens.[8]
Die geschilderten Phänomene bilden den Hintergrund für die Arbeit mit Gruppen in interkulturellen Zusammenhängen und stellen so eine spezifische Herausforderung an die Leitungspersonen dar.[9] Interkulturelle Leitungsteams, die ihre Zusammenarbeit mit Hilfe von Supervision reflektieren wollen, bedürfen entsprechend den spezifischen Herausforderungen ihrer Tätigkeit einer Methode, die sowohl den affektiven, wie auch den regressiven Aspekten in der Auseinandersetzung mit Menschen aus fremden Kulturen gerecht wird. Dies ist originäre Aufgabe der in diesem Arbeitsfeld angewandten Supervision. Hierbei geht es also nicht um irgendwelche modifizierten therapeutischen Anliegen, sondern konkret um die - Emotionen und unbewußte Affekte einschließende - Reflexion berufsbezogener Erfahrungen mit dem Ziel, die Spielräume individuellen Denkens und Handelns zu erweitern, eingefahrene Interaktions- und Kommunikationsabläufe zu verflüssigen und transparenter zu gestalten, und dadurch die Professionalisierung der eigenen Kompetenzen voranzutreiben.
4 Professionelle Abwehrstrategien
Devereux beschreibt in seinen Studien sehr eindringlich, mit welchen Mitteln die in einer fremden Kultur arbeitenden Menschen versuchen, mit diesen durch Krisen und Regressionsprozesse ausgelösten Beeinträchtigungen und Verunsicherungen umzugehen. Er spricht in diesem Zusammenhang von „professionellen Abwehrstrategien“, die durchaus funktional sein können, weil sie helfen, die Angst abzubauen und die Aufgabe zu erfüllen.[10] Doch können sie auch zu einer systematischen Falle, zu einer Form des kulturellen Widerstandes werden, wenn sie unerkannt, unreflektiert und unbearbeitet bleiben.
Als professionelle Abwehrstrategien kommen besonders häufig zum Einsatz: wissenschaftliche Theorien und Methoden, kulturrelativistische Perspektiven, die Identifikation mit der sozialen Rolle und Aktivismus.[11]
So vermag theoretisches Wissen über die ökonomischen und politischen Abhängigkeitsverhältnisse in Ländern des Südens zwar einerseits die objektiv existierende Armut, das Leid und die Not der dort lebenden Menschen zu erklären. Andererseits aber kann dieses theoretische Wissen auch den Blick für traditionelle Korruptionsverhältnisse in den Ländern des Südens verstellen und die Menschen dort in der Rolle der armen und hilflosen Opfer fixieren. Das heißt, eine realitätsgerechte Wahrnehmung gelingt nicht mehr, die kreativen und innovativen Potentiale der Menschen bleiben verdeckt.
Auch kulturrelativistische Perspektiven können als professionelle Abwehrstrategien eingesetzt werden. In diesem Fall werden zwar etwaige Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen hervorgehoben, doch zugleich wesentliche und vielleicht sehr befremdliche Differenzen unterschlagen. Das Fremde wird einverleibt, neutralisiert, relativiert und damit entfällt die Notwendigkeit der Auseinandersetzung.
Die Identifikation mit der sozialen Rolle - etwa die Identifikation mit der Rolle als Teamer - vermag zwar einerseits dazu beizutragen, die Aufgabe und die Arbeit äußerst professionell zu erledigen. Andererseits aber verhindert dies auch Annäherungen, etwa in Form einer Artikulation von Bedürfnissen, die über den engen berufsbezogenen Rahmen hinausreichen, und es verhindert die Formulierung von Ansprüchen, die im Konzept nicht vorgesehen sind und den Wissensvorsprung, auch die Autorität und die Macht des Teamers untergraben könnten.
Auch die Entfaltung übermäßig vieler Aktivitäten kann den Effekt haben, sich die vielleicht unbequemen Wünsche der Partner vom Leib zu halten und sich selbst in einer Rolle des omnipotenten Experten zu verbarrikadieren.
Diese professionellen Abwehrstrategien - und das ist ganz wesentlich - sind in aller Regel den Betroffenen nicht bewußt und ihrer rationalen Kontrolle ganz oder teilweise entzogen. Ebensowenig wie die zugrundeliegenden und durch die Begegnung mit Fremdheit ausgelösten Krisenerfahrungen lassen sich die professionellen Abwehrstrategien durch eine an kognitive Einsicht appellierende pädagogische Diskussion aufklären oder aus der Welt schaffen.
Nur eine Supervisionsmethode, die nicht an kognitive Einsicht appeliert, sondern die, wie oben erläutert, auch den affektiven und regressiven Aspekten in der Auseinandersetzung mit der Fremde gerecht wird, kann in der Arbeit mit interkulturellen Leitungsteams fruchten. Diese Methode soll im folgenden näher beschrieben werden.
5 Gruppenanalytische Supervision
Anders als eine thematisch zentrierte Fachberatung, ist Supervision eine Antwort auf die affektive Dynamik von Arbeitsbeziehungen; oder konkret in diesem Zusammenhang: eine Antwort auf die spezifischen, emotionalen Erfahrungen und Verunsicherungen im Kontext interkultureller Arbeit.
Für diese supervisorische Arbeit eignet sich nun eine Methode, die zwar einerseits die individuellen Besonderheiten und Eigenheiten der Teamer, aber andererseits auch die soziale, präziser, die interkulturelle Dimension der Arbeit, berücksichtigen kann. Dies scheint mir die Gruppenanalyse zu gewährleisten.[12] Hierbei handelt es sich um ein Verfahren, das sich aus der therapeutischen, politischen und interkulturellen Erfahrung eines vor den Nationalsozialisten geflohenen deutschen Juden entwickelte und Resultat seiner Arbeit mit vom Krieg traumatisierten britischen Soldaten war. Sigmund Heinrich Fuchs, oder Foulkes, wie er sich später nannte, versuchte in seiner Gruppenarbeit psychoanalytische Einsichten über die unbewußte Dynamik zwischenmenschlicher (Arbeits-) Beziehungen mit der systemischen und gestalttherpeutischen Erkenntnis, daß Gruppen mehr sind als die Summe ihrer Mitglieder, zu verknüpfen. Von Bedeutung ist in diesem Konzept deshalb nicht alleine das einzelne Individuum mit seinen spezifischen Erlebnissen und Erfahrungen in der Gruppe, sondern gleichbedeutend ist daneben die Gruppe als Ganzes, die als Experten-Runde den Erfahrungsaustausch wie auch die Aufklärung eingebrachter Fallbeispiele aktiv mitträgt und mitgestaltet. Dadurch gewinnt diese Arbeit ein hohes Maß an Effektivität, weil alle Gruppenmitglieder ihr Wissen, ihre Erfahrungen, ihre Kreativität und ihre Phantasien einbringen, um Mißverständnisse, Konflikte und Spannungen, die ihre Kollegen und Kolleginnen bei der Arbeit im Feld interkultureller Verständigung erleben, aufzuschlüsseln. Die Reflexion der Fallberichte einzelner wird deshalb grundsätzlich so strukturiert, daß über das Besondere hinaus das Allgemeine sichtbar wird, so daß alle Beteiligten von der supervisorischen Bearbeitung eines individuellen Erlebnisses profitieren können.
Die konkrete supervisorische Arbeit läßt sich definitorisch als eine „berufsbezogene Beratung im Spannungsfeld von Person-Institution-Klientel“ beschreiben. Der Supervisor P. Berker schreibt erläuternd:
Ausgehend von konkreten Fallerlebnissen sind somit drei Ebenen zu betrachten:
– die Institution, [...] mit besonderer Aufmerksamkeit auf die institutionellen Rollenerwartungen an den Supervisanden;
– die Klientel, [...] mit besonderer Aufmerksamkeit auf die entstehende Beziehungsdynamik zwischen Klienten und Supervisanden;
– die Person des Supervisanden, mit besonderer Aufmerksamkeit auf die Anteile der Persönlichkeit, die in der beruflichen Tätigkeit aktualisiert werden.[13]
Gruppenanalytische Supervision zielt von ihrem Anspruch her nicht auf einen rational-kognitiven Diskurs, sondern auf das Verstehen subjektiv erlebter Erfahrungen. Im geschützten Rahmen einer zeitlich begrenzten Supervision fordert der Supervisor oder die Supervisorin dazu auf, arbeitsbezogene Fallberichte einzubringen, die eine als irritierend erlebte Sequenz, eine befremdlich anmutende Szene oder auch ein Erlebnis schildern, das einen nachhaltig beschäftigt, vielleicht sogar beunruhigt oder viele Fragen aufwirft.
6 Fallvignetten aus der supervisorischen Arbeit
Um diese eher abstrakten Formulierungen mit Leben zu füllen, möchte ich nun anhand einiger Fallvignetten aus der supervisorischen Arbeit mit den Teamern von CIL und MZF verdeutlichen, was Gegenstand unserer bisherigen Supervision war und wie im einzelnen gearbeitet wurde.
Während der Auswertungswoche im Rahmen des zweiten, internationalen Settings berichtete eine der aus einem Land des Südens anwesenden Frauen nach langem anfänglichen Zögern über ihre bitteren Erfahrungen als Studentin in Deutschland und über den Bürgerkrieg in ihrem Land, in dem sie mehrere Geschwister verlor.
Im Verlaufe des Gesprächs wurde deutlich, daß sie ihren Aufenthalt in Deutschland nicht von der Trauer über den Tod ihrer Geschwister und nicht von der „Kälte der Deutschen“ angesichts ihrer Not trennen konnte und auch nach Jahren noch fürchtete, nach Deutschland zu kommen oder mit Deutschen in ihrem Land zusammenzuarbeiten. Das Mißtrauen und ihre - ihr durchaus bewußte - irrationale Angst, dann wieder jemand, der ihr nahestand, zu verlieren, blieb, und dieses Gefühl war so stark, daß alle Arbeitsbeziehungen mit Deutschen davon durchdrungen waren, sie dies aber nie hatte erzählen oder mitteilen können. Für sie selbst war es eine große Erleichterung, im Kreis von anderen Menschen aus dem Süden und im Kreis von Deutschen darüber zu sprechen, und für die Deutschen, die bislang mit ihr zusammengearbeitet hatten, war es eine zutiefst erschreckende, jedoch auch erhellende Erklärung für vieles, was bisher unterschwellig spürbar gewesen, jedoch nie hatte ausgesprochen werden können. Das Wissen über diese Hintergründe schuf mehr Verständnis und Vertrauen. Bislang war diese Nähe nur zu einigen wenigen möglich gewesen. Das Gespräch hatte alle sehr berührt.
Diese Erzählung löste zugleich bei anderen Teilnehmern/-innen aus dem Süden Erinnerungen an ähnliche, vergleichbar „traumatische“ Erfahrungen aus. Dadurch wurden die oftmals politisch extrem belastenden individuellen Lebenslagen einzelner Projektmitarbeiter deutlich und damit auch deren Verhalten erklärlicher.
In den Sitzungen zeigte sich allerdings ebenso die Verzweiflung, die Not und manches Mal der Ärger und die Wut der Deutschen, wenn wochenlang keine Antwort auf ihre Briefe kamen, Vereinbarungen nicht eingehalten, Unterlagen nicht geliefert wurden. Im geschützten Rahmen einer Supervision konnten diese Irritationen auf eine Art und Weise zum Ausdruck gebracht werden, die es den Teilnehmern/-innen aus dem Süden erleichterte zu verstehen, worum es den deutschen Partnern ging, so daß sie deren hartnäckige Nachfragen nicht mehr ausschließlich als eine unzumutbare, „typisch deutsche“ Belästigung empfanden.
Gegenstand in der Supervision war jedoch nicht alleine, ein größeres Maß an Verstehen zu schaffen und dadurch den interkulturellen Dialog und die interkulturelle Begegnung zu fördern, sondern oftmals ging es auch um die Erarbeitung ganz konkreter Handlungsstrategien.
So wurde zum Beispiel im Rahmen des ersten Settings, in dem sich nur die deutschen Leiterinnen und Leiter trafen, folgender Fall bearbeitet: In einem Sommercamp hatten sich zwei Teilnehmende, ein Mann und eine Frau, ineinander verliebt, und es war zu einem Paarbildungsprozeß gekommen, der sich in kürzester Zeit sehr destruktiv entwickelte und auf die ganze Gruppe eine lähmende Wirkung hatte. Die beiden schotteten sich zunehmend ab, isolierten sich und konfrontierten die anderen so mit deren Alleinsein in der Fremde. Das Liebespaar wurde damit zu einer beständigen Provokation für die anderen Teilnehmer/-innen. Anhand dieser Situation konnte zunächst die an diesem Paar exemplarisch sichtbar werdenden, prophylaktischen Abwehr- und Schutzfunktionen der Gruppe angesichts der auf sie hereinstürmenden Fremdheit und Not herausgearbeitet werden. In einem zweiten Schritt wurden darüber hinaus Überlegungen in Bezug auf mögliche alternative Handlungsstrategien der Gruppenleiterin angestellt, wie beispielsweise die entstandene Lähmung der Gruppe hätte aufgebrochen werden können. So erarbeitete nicht nur die Gruppenleiterin, sondern auch alle anderen Supervisionsteilnehmer/-innen ein zukünftig in vergleichbaren Situationen größeres Repertoire an Handlungsmustern.
Ein anderer und zentraler Bereich der Supervision war die Besprechung konzeptioneller Überlegungen und die Reflexion der vom deutschen Leitungsteam geleisteten Vorarbeiten zu Projektanträgen. Hier ging es wiederum nicht so sehr um eine analytisch-rationale Verständigung, sondern um die Aufhellung von Differenzen, um Klärung von Zielfragen, um die Aufklärung erlebter Mißverständnisse, um die Synthese von Abgrenzungs- und Kooperationswünschen. In diesen Besprechungen zeigte sich, daß es sehr günstig war, wenn man vor die eigentliche und sachbezogene Diskussion von Projektanträgen eine Supervision vorschaltet: hier wurde dann die emotionale Dimension der gemeinsamen Arbeit und der Arbeitsbeziehungen reflektiert und damit die Grundlage geschaffen für eine relativ unbelastete Arbeitsatmosphäre, die später dann für effektive und sachorientierte Entscheidungsfindungen sorgte.
7 Mehr soziale und berufliche Kompetenz
im interkulturellen Dialog
Supervision dient also im Feld interkultureller Begegnung der Reflexion und damit der Verarbeitung oftmals schwieriger und auf jeden Fall komplexer, arbeitsbezogener Erfahrungen. Supervision trägt aber ebenso zur Aufklärung von kommunikativen und interaktiven Blockaden wie auch zum Entwurf zukunftsträchtiger Handlungsrepertoires bei. Von daher ist Supervision immer auch Fortbildung im Sinne einer Professionalisierung berufsbezogener Kompetenzen.
Supervision fördert die Auseinandersetzung mit dem, „was fremd in uns selbst ist“[14], und mit dem, was fremd in der Welt ist. Supervision mildert somit die Angst vor Konflikten und erleichtert die Aneignung und Weiterentwicklung von Fähigkeiten zur Konfliktregelung. Von daher dient Supervision der Einübung und Vertiefung sozialer Kompetenzen und trägt zur beruflichen Qualifizierung von Personen bei, die in der Fortbildung arbeiten.
Supervision vermag die Eigenheiten des Fremden und die Differenzen zum Vertrauten herauszuarbeiten, ohne das Fremde damit einzuverleiben, zu neutralisieren oder zu relativieren. Zugleich regt Supervision an zu mehr Sensibilität und Empathie in einer Welt wachsender Gegensätze und erlaubt nicht nur rationale, sondern auch emotionale Zugänge zu bislang verborgen gebliebenen Aspekten fremder Lebenswelten. Von daher fördert Supervision den interkulturellen Dialog und die interkulturelle Begegnung und dient der intersubjektiven Verständigung zwischen Nord und Süd.
Diese Zusammenfassung von wesentlichen Aspekten, die die Supervision im interkulturellen Kontext kennzeichnen, macht - so hoffe ich - deutlich, daß diese Arbeit und diese Methode einen Kontrast bildet zu Diskussionen, die theoretisch-abstrakt ein Problem analysieren. Hier ist nicht die kognitiv-diskursive Ebene, sondern die Ebene des sinnlich-konkreten Erlebens angesprochen. Die Arbeit an dem affektiven und oftmals von Regressionen geprägten Erleben gelingt jedoch nur, wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehört ein klar strukturiertes, zeitlich begrenztes Setting, das die Teilnehmer/-innen von der rein zeitlichen Beanspruchung her nicht überfordert. Als günstig hat sich hier eine Struktur erwiesen, die beispielsweise im Block arbeitet und am ersten Tag, nachmittags, mit zwei Sitzungen (á 1½ Stunden) beginnt und am nächsten Vormittag mit nochmals zwei Sitzungen endet. Wichtig ist dabei, daß die Gruppe sich bereits vor Beginn der Supervision trifft und klärt, was auf der Sachebene während dieser Klausur zu besprechen ist, so daß dieses Ziel in der Supervision benannt werden und eventuell auch supervisorisch bearbeitet werden kann.
Für die Teilnehmer/-innen des Südens ist eine ausführliche Information vorher und nochmals bei Beginn der Supervision über die Besonderheiten supervisorischer Arbeitens sinnvoll, da Supervision in den Ländern des Südens fast durchgängig unbekannt und oftmals mit Therapie verwechselt wird.
Als ungünstig hat es sich erwiesen, wenn miteinander unvertraute und kulturell sehr verschiedene Teilnehmer/-innen in einer größeren Supervisionsgruppe (mehr als 12) zusammengefaßt werden. Hier entsteht allzu leicht eine Großgruppendynamik, die nur schwer zu steuern ist. Verträglicher wäre sicherlich die Arbeit in kleineren Gruppen, wobei das allerdings auch eine Frage der Finanzen ist, da kleinere Gruppen die Anwesenheit von mindestens zwei Supervisoren/-innen voraussetzen.
In jedem Fall aber bedarf es einer professionell ausgebildeten und in Gruppenverfahren versierten Supervisorin (bzw. eines Supervisors), um die entsprechend sensiblen Themen, aber auch die Dynamik von brisanten Gruppenprozessen handhaben, steuern und zum Vorteil der Betroffenen aufarbeiten zu können.
Außer einer qualifizierten Supervisorin bedarf es jedoch auch der Teilnehmer/-innen, die bereit und fähig sind, sich auf einen manchmal mühsamen, manchmal sogar schmerzhaften, aber zumeist auch gewinnbringenden Prozeß einzulassen. Denn jede Supervision ist eine Reise ins Ungewiße, eine Reise in die Fremde und niemand kann voraussagen, welche Abenteuer uns dort erwarten.
Literatur
Devereux, Georges: Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. Frankfurt 1976.
Erdheim,Mario/Nadig, Maya: Größenphantasie und sozialer Tod. In: Kursbuch 1979.
Foulkes, S. H.: Gruppenanalytische Psychotherapie. München 1992.
Freud, Sigmund: GW, Bd. 11, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. 1969.
Kristeva, Julia: Fremde sind wir uns selbst. Frankfurt 1990.
Nadig, Maya: Die verborgene Kultur der Frau. Gespräche mit Otomi-Frauen in Mexiko, Frankfurt 1986.
Pallasch, Waldemar: Supervision - Neue Formen beruflicher Praxisbegleitung in pädagogischen Arbeitsfeldern. Weinheim/München 1991.
Rohr, Elisabeth: Faszination und Angst. Männliches und Weibliches Erleben von Fremdheit. In: Jansen, Mechthild/Prokop, Ulrike: Fremdenangst und Fremdenfeindlichkeit. Frankfurt 1993, 133-162.
Rohr, Elisabeth: Der weibliche und der männliche Blick. Die Wahrnehmung des Fremden und das Geschlecht der Forscherin und des Forschers. In: Heinemann, Evelyn/Krauss,Günther: Geschlecht und Kultur. Nürnberg 1995, 129-174.
Rohr, Elisabeth: Die fremde Frau. Der weibliche Blick auf eine fremde Kultur. In: Arbeitsgemeinschaft Fachfrauen - Frauen im Fach (Hg.): Fachfrauen - Frauen im Fach. Frankfurt 1995, 265-298.
Rohr, Elisabeth: Wenn der Traum zum Alptraum wird. Zur Supervision institutionell-unbewußter Gewaltverhältnisse. In: Bauer, Annemarie/Gröning, Katharina: Institutionsgeschichten, Institutionsanalysen, Tübingen- 1995, 220-248.
[1] Vgl. Devereux, Georges: Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. Frankfurt 1976.
[2] A.a.O., 67.
[3] Vgl. Erdheim,Mario/Nadig, Maya: Größenphantasie und sozialer Tod. In: Kursbuch 1979, 115-126.
[4] Nadig, Maya: Die verborgene Kultur der Frau. Gespräche mit Otomi-Frauen in Mexiko, Frankfurt 1986, 43.
[5] Vgl. Rohr, Elisabeth 1993: Faszination und Angst. Männliches und Weibliches Erleben von Fremdheit. In: Jansen, Mechthild/Prokop, Ulrike: Fremdenangst und Fremdenfeindlichkeit. Frankfurt, 133-162.
[6] Vgl. Freud, Sigmund: GW, Bd. 11, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. 1969, 355; vgl. auch Devereux, Georges: Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. Frankfurt 1976, 56.
[7] Deshalb ist die Reise in die Fremde so lustvoll, der Urlaub so erholsam, die Verliebtheit ein so häufiges Ferien-Phänomen.
[8] Ausführlicheres zur Regression in Rohr, Elisabeth: Der weibliche und der männliche Blick. Die Wahrnehmung des Fremden und das Geschlecht der Forscherin und des Forschers. In: Heinemann, Evelyn/Krauss,Günther: Geschlecht und Kultur. Nürnberg 1995a, 129-174..
[9] Vgl. hierzu den Artikel von Ludger Weckel: „Internationale Teams - eine Chance solidarischen Lernens?!“, in diesem Buch, ??ff.>>> Noch überprüfen <<<
[10] Ein großer Teil seines Buches besteht aus der Beschreibung dieser professionellen Abwehrstrategien, von denen ich hier nur die für diesen Kontext wichtigsten aufzähle.
[11] Vgl. Devereux, Georges: Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. Frankfurt 1976, 109.
[12] Vgl. Foulkes, S. H.: Gruppenanalytische Psychotherapie. München 1992.
[13] P. Berker, zit. nach: Pallasch, Waldemar: Supervision - Neue Formen beruflicher Praxisbegleitung in pädagogischen Arbeitsfeldern. Weinheim/München 1991, 29ff.
[14] Kristeva, Julia: Fremde sind wir uns selbst. Frankfurt 1990.






