Solidarkompetenz
Wolfgang Max Burggraf
Konfliktlinien und Konzepte - Befreiungstheologie in der Bildungsarbeit heute
Was sind deine Träume?
Wohl keine andere entwicklungspolitische oder missionstheologische Institution im deutschsprachigen Raum ist so eng mit der Befreiungstheologie verbunden wie die Missionszentrale der Franziskaner. P. Andreas Müller hat in seinem Artikel „Beitrag der Missionszentrale der Franziskaner (MZF) zur Rezeption der Befreiungstheologie in Deutschland“ (in Fornet-Betancourt, Raul (Hrsg.); Befreiungstheologie: Kritischer Rückblick und Perspektiven für die Zukunft, Band 3: Die Rezeption im deutschsprachigen Raum, Grünewald-Verlag, Mainz 1997, S. 145 - 162) die Beiträge der MZF über drei Jahrzehnte zur Befreiungstheologie überzeugend aufgelistet.
Die Bildungsarbeit der Missionszentrale war über ein Jahrzehnt lang eine Bildungsarbeit über Befreiungstheologie. Freilich waren es nicht die schwierigen Werke universitärer Philosophie und Theologie, die von den Bildungsreferenten der Missionszentrale erwartet wurden, sondern es waren Optionen und Parteilichkeit, die die Position der Franziskaner auszeichnete gegenüber bemüht ausgewogenen Stellungnahmen. "Befreiungstheologie" - das bedeutete selbstredend sich an Konfliktlinien zu begeben, Konfliktlinien zwischen brasilianischen GroßgrundbesitzerInnen und gerade vertriebenen KleinbäuerInnen, Konfliktlinien zwischen transnationalen Konzernen und GewerkschafterInnen, zwischen einer hierarchisch-bürgerlichen Kirche und einer Kirche auf Seiten der Armen, schließlich Konfliktlinien zwischen einer Sozialismussympathie und dem Antikommunismus der Zeit des Kalten Krieges. Täglich - manchmal mehrmals - hatten die Bildungsreferenten sich in verschiedenen Pfarr- und Gemeindesälen mit der Frage auseinanderzusetzen, ob denn die Anwendung eines marxistischen gesellschaftsanalytischen Instrumentariums zugleich "den Kommunismus" als Ziel bedeute oder ob die pastorale Arbeit auf Seiten der Armen nicht gleichzeitig eine ungerechte Vernachlässigung der "Reichen" sei.
Befreiung bedeutet Veränderung. Befreiung macht Hoffnung. Befreiung beinhaltet eine Vision, einen neuen Horizont, Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit. Und der Begriff "Befreiung" leugnet nicht die Fesseln, von denen es gilt, sich zu befreien oder befreit zu werden. Konfliktlinien werden sichtbar, Macht, Interessen. Ökonomische und gesellschaftliche Theorien sprechen nicht mehr so deutlich davon wie in den 70er-Jahren, aber Armut und Ausgrenzung, die Gegensätze sind krasser geworden. Eine "Neue Weltordnung", der Götze des "Freien Marktes" und die Mär vom "Ende der Geschichte" sind mittlerweile über uns hinweggerollt. Wo der "Kampf der Kulturen" geweissagt wird, geht es immer noch um Öl und Gas, mittlerweile auch um sauberes Wasser.
Theologie der Befreiung verstand sich nie als bloße Theologie. Sie wollte immer die Menschen befähigen, ihre jeweilige Situation zu begreifen - in unseren Worten: die Konfliktlinien zu benennen - und bewusst und offensiv mit diesen umzugehen, in der Sprache der Befreiungstheologie: zum Subjekt der eigenen Geschichte zu werden. Viele Seminare der Bildungsarbeit der Missionszentrale versuchen diesen Aspekt umzusetzen: Menschen befähigen, mit Konfliktlinien umzugehen! Nicht das bloße Wissen über etwas, sondern das Erproben des eigenen Verhaltens und die Entwicklung eigener Strategien ist das Ziel der Seminare. So wie die Theologie der Befreiung Wegbereiterin war für andere emanzipatorische Theologien, die Dalit-Theologie etwa oder die Indigene Theologie, so findet sie in jedem Seminar eine Fortsetzung, wo Menschen zusammen die Analyse ihrer Situation und der Konfliktlinien konfrontieren mit einer Vision von Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit.
Schlüsselthemen und die Chance von Versöhnung
In den 90er-Jahren gab es einen letzten Boom der Anfragen an die Missionszentrale zum Thema "Befreiungstheologie". 1992, als sich die Eroberung Lateinamerikas und der Beginn des Widerstandes 500 mal jährten, war die Position der Franziskaner noch einmal gefragt, nicht in die Jubelfeiern einzustimmen, sondern sich auch eigener Schuld bewusst in den Dialog mit den Opfern dieser 500-jährigen Geschichte zu begeben. "Dialog lernen" war dann auch das Thema, das einige Jahre die Bildungsarbeit der Missionszentrale prägte (Monika Treber… (Hrsg.), Dialog Lernen: Konzepte und Reflexionen aus der Praxis von Nord-Süd-Begegnungen, Frankfurt am Main 1997).
Mitte der 90er-Jahre versuchte die Bildungsarbeit der Missionszentrale, im Thema "Nachhaltige Solidarität" (Christliche Initiative Internationales Lernen (Hrsg.) Ludger Weckel/Ute Wannig, Was brauchen (wir) Menschen? Nachhaltige Solidarität im Internationalen Dialog, IKO-Verlag, Frankfurt am Main 2001 ) die Impulse des "Global Forum" in Rio 1992 in Form der "Agenda 21" zu konfrontieren mit den bestehenden Solidaritätsbrücken zwischen Nord, Süd und Ost. Der jetzt mögliche "Trialog" zwischen Menschen des ehemaligen kommunistischen Machtbereiches, den Ländern des Südens und westeuropäischen Ländern brachte ganz neue Impulse in die entwicklungspolitischen und befreiungstheologischen Seminare.
Die Aufspaltung Jugoslawiens und die damit verbundenen ethnischen Kriege ließen andere Themen relevant werden: "Neue Nachbarschaften" ist das Schwerpunktthema der Bildungsarbeit der Missionszentrale um die Jahrtausendwende. Ein Seminar mit indischen und europäischen Minderheiten bewegt zwei Jahre lang Religionen und Politik im lokalen Kontext. „Neue Nachbarschaften" - freiwillig oder erzwungen, durch Kommunikation oder Mobilität, durch Migration oder den Zerfall von Machtblöcken, durch neu entstehende Grenzen und restriktive Visapolitik, schließlich durch globalen Terrorismus und globale Antworten darauf...
Wohl kein anderes Seminar der Missionszentrale bewegt lokale Bevölkerung so wie dieses Minderheitenseminar: Im Sommer 2000 besucht der indische Franziskaner D. zusammen mit einer Delegation indischer UreinwohnerInnen (Adivasi) ein Dorf in der rumänischen Moldau. (Wolfgang Burggraf, Pater Davis auf Entdeckungsreise - „Minderheiten als Herausforderung für die Mehrheiten“, in: Missionszentrale der Franziskaner e. V. (Hrsg.), missionsdienst, 08/99, S. 9 - 10) Aus Europa sind dabei VertreterInnen tschechischer Roma, deutscher Sorben, italienischer Ladiner - und eben Czangok aus Rumänien. An gerade diesem Tag ist der US-amerikanische Botschafter in Bukarest zusammen mit seiner Frau zu Gast in diesem Dorf. Er interessiert sich für die Situation der Minderheiten in Rumänien, speziell eben der Czangok in der Moldau. Bürgermeister und (katholischer) Pfarrer halten Ansprachen, es gibt Folkloreprogramme mit Liedern und Tänzen. Für sie ist alles in Ordnung. Kein Wort darüber, dass es nicht einmal Einigkeit gibt über die Frage, ob es Csangok überhaupt gibt. Manchmal sind altungarische Wortfetzen zu hören, die dann doch auf diese Minderheit im rumänischen Kernland hindeuten. Gefährlich für die Ideologie des Nationalstaates aus dem vorletzten Jahrhundert.
Die indische Delegation hat einen Vorteil: Einige sprechen Englisch, D. hat Kontakt mit der Frau des Botschafters, während die Ansprachen übersetzt werden. Schnell sind handschriftlich einige Zeilen aufgesetzt, die aus Sicht einer Gruppe von Roma, Ladinern, Sorben, Adivasi und eben Czangok Eindrücke wiedergeben von einem einwöchigen Exposure in diesem Dorf. Das Dossier wird übergeben, der indische Pater schüttelt dem amerikanischen Botschafter die Hand. Neben der Kirche versuchen einige Anhänger des Bürgermeisters die Zündkabel aus dem Auto der Seminargruppe herauszureißen. Es gelingt aber, den Ort zu verlassen, bevor es zu Handgreiflichkeiten kommt.
Neue Nachbarschaften - geschichtliche Wahrheit und scheinbare Objektivität sind Schlüsselthemen in allen ethnischen Auseinandersetzungen. Im Auto gibt es eine lebhafte Diskussion mit dem Übersetzer. Er selbst stammt aus dieser Gegend, holt eine Landkarte mit Ortsnamen hervor, ungarisch und rumänisch, versucht sprachgeschichtlich nachzuweisen, dass ... Die internationalen SeminarteilnehmerInnen sind längst ausgestiegen aus diesen spitzfindigen Argumentationen. Was aber allen klargeworden ist an diesem Tag: Jede Gruppe versucht sich auf geschichtliche Wahrheit zu beziehen, Wahrheit wird zur Waffe. Und so unlogisch es klingen mag, es gibt tatsächlich mehrere Wahrheiten zu einer Frage. Wieder eine unlösbare Situation, wieder bleiben Anschauungen unversöhnlich neben- und gegeneinander stehen.
Hat Bildungsarbeit da überhaupt eine Chance, für Versöhnung zu werben, Menschen zueinanderzubringen und oft jahrhundertealte Vorbehalte zu durchbrechen? Immer wieder nein, und dann überraschend: doch!
Solidaritätswerkstatt 1997 in Brasilien, Auswertungswoche. Die europäische Gruppe hatte viel kennengelernt von der Situation brasilianischer Basisbewegungen, der Not und dem Kampf des Volkes. Die "europäische Gruppe" - Deutsche und RumänInnen, UngarInnen und ÖsterreicherInnen. Die RumänInnen: drei mit Muttersprache Rumänisch, eine mit ungarischer Muttersprache. Ein Jahr lang hatte der ethnische Konflikt zwischen diesen vier Personen unterschwellig geschwelt, Beleidigungen und Anfeindungen kamen immer wieder vor. Jetzt, in der vierten Woche in Brasilien, war es nicht mehr auszuhalten. Eine schwierige Situation in der europäischen Gruppe, Tränen, Eingeständnisse des Verletzt-Seins. Endlich war der ideologische Panzer der jeweiligen Wahrheiten durchbrochen. Schmerzen und Verletzungen zu zeigen, das war die erste Gemeinsamkeit zwischen diesen Personen. Eine Gemeinsamkeit, auf der neu Beziehungen entstehen können, jenseits der überlieferten und tradierten Positionen. Extra nach Brasilien fliegen, damit RumänInnen unterschiedlicher Ethnien aufeinander zugehen können? Zumindest in dieser Situation hat es sich gelohnt.
Solidarkompetenz
Solidarkompetenz geht davon aus, dass wirksame Solidarität neben der Motivation auch Reflexion und Integration in die eigene Persönlichkeit braucht, um unter den Bedingungen der Globalisierung neben dem Bewusstsein eigener politischer Korrektnes auch tatsächliche Verschiebungen der Machtsituation zugunsten der Ausgeschlossenen zu bewirken. Für die Bildungs- und Bewußtseinsarbeit der Missionszentrale, die als Grundoption die Perspektive der Verbesserung der Situation der Ausgeschlossenen einnimmt, bedeutet das, politische, entwicklungspädagogische, pastorale und persönlichkeitsbildende Konzepte und Methoden zu entwickeln, die sich daran messen lassen, inwieweit sie sowohl Betroffene als auch diejenigen, die das Privilleg besitzen, über ihren Lebensstil und ihr Handeln zu entscheiden, in eine bewegliche Situation des gegenseitigen Aushandelns von Bedürfnissen und Interessen bringen. Nun wäre es zynisch, den Begriff der "Befreiung" durch den des "Gegenseitigen Aushandelns" ersetzen zu wollen, nehmen wir die weltweiten und jeweils nationalen Machtkonstellationen ernst. Doch muß nicht gerade im Hinblick auf die Uneinnehmbarkeit der Festungen der Macht Solidaritätsarbeit heißen, für die eigenen (existenziellen) Bedürfnisse und Interessen zu werben, Verbündete zu gewinnen und andererseits gerade ebendiese Festungen der Macht aufzuweichen, indem Kategorien der Menschlichkeit, Universalität und Gotteskindschaft in Gemeinschaft erlebt werden?
Solidarkompetenz entfaltet sich persönlich und politisch, spirituell, professionell und ökonomisch. Mit Sicherheit spalten sich in diesem Augenblick die LeserInnen dieser Gedanken in solche, die eine derartige Methodenreflexion angesichts existenzieller Not und "wirklicher" Hilfe für überflüssig halten, und solche, die sie äußerst spannend finden, weil manch eigene Erfahrung sich darin wiederfindet. Die Arbeit an Solidarkompetenz bedeutet nun nicht, diese Frage zu entscheiden, was richtig oder wichtiger ist. Solidarkompetenz bedeutet, die jeweils an dere Seite mitdenken zu können und gelten lassen zu können, dass es (mindestens) zwei Zugangsweisen gibt.
Letztlich ist die Motivation der Missionszentrale, an der Frage der Solidarkompetenz zu arbeiten, eine politische. Es ist die Frage, wie die Machtkonstellation effektiv zugunsten der Ausgeschlossenen verschoben werden kann. Und dies erfordert Menschen in allen Kontexten, im Süden, wie im Osten und Norden, die die eigene Zerrissenheit immer wieder erfahren haben und den Ärger und die Wut über die andere Perspektive, die aber fähig sind, diese Differenz nicht zum Abbruch von Beziehung zu gebrauchen, sondern als Zugang zur Anderen mit dem so anderen Erleben. Differenz als Methode der Annäherung und des Werbens für die eigene Vision. In einem Training zur Solidarkompetenz taugt es nicht, Gäste aus dem Süden (oder andersherum aus dem Norden oder Osten) mit der jeweils anderen Sicht der Dinge zu verschonen, nein, es ist sogar eine Didaktik der Konfrontation (Ute Wannig, „Wir müßten eine Pädagogik der Konfrontation entwickeln“ - am Rande des KAIROS-Treffens in Straßburg im Juni 1992, in: Christliche Initiative Zentrum für Internationales Lernen (Hrsg.), the Dialogue, 6. Jahrgang (1994) Nr. 1, S. 2 - 12) notwendig, um den Umgang mit Differenz alltäglich werden zu lassen und darin die Fähigkeit zum Bündnis zu schulen. Die politische Dimension von Solidarität - ideologisch abgespeckt und auf das Notwendige reduziert - ist das Bündnis. Und Bündnisse haben direkt mit der Machtfrage zu tun.
| |
Die Bildungs- und Bewußtseinsarbeit der Missionszentrale in internationalen Werkstätten ist in diesem Sinne eine Arbeit der kleinen Schritte. Kompetenz ist keine heldenhafte Tugend, sondern erlernbar und - das ist besonders wichtig - beschreibbar und vermittelbar (Albert Biesinger… (Hrsg.), Solidarität als interkultureller Lernprozess (Tübinger Perspektiven zur Pastoraltheologie und Religionspädagogik), Tübingen 2005). Dies bedeutet aber nicht, dass Solidarkompetenz nicht auf die großen Visionen von Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit als Antriebsfeder angewiesen wäre. Ohne diese Visionen, vorwegnehmend immer wieder erzählt und gefeiert, wäre Solidarkompetenz in der Gefahr, zu einer technokratischen Kategorie zu werden.
Wolfgang Max Burggraf
Konfliktlinien und Konzepte - Befreiungstheologie in der Bildungsarbeit heute
Was sind deine Träume?
Wohl keine andere entwicklungspolitische oder missionstheologische Institution im deutschsprachigen Raum ist so eng mit der Befreiungstheologie verbunden wie die Missionszentrale der Franziskaner. P. Andreas Müller hat in seinem Artikel „Beitrag der Missionszentrale der Franziskaner (MZF) zur Rezeption der Befreiungstheologie in Deutschland“ (in Fornet-Betancourt, Raul (Hrsg.); Befreiungstheologie: Kritischer Rückblick und Perspektiven für die Zukunft, Band 3: Die Rezeption im deutschsprachigen Raum, Grünewald-Verlag, Mainz 1997, S. 145 - 162) die Beiträge der MZF über drei Jahrzehnte zur Befreiungstheologie überzeugend aufgelistet.
Die Bildungsarbeit der Missionszentrale war über ein Jahrzehnt lang eine Bildungsarbeit über Befreiungstheologie. Freilich waren es nicht die schwierigen Werke universitärer Philosophie und Theologie, die von den Bildungsreferenten der Missionszentrale erwartet wurden, sondern es waren Optionen und Parteilichkeit, die die Position der Franziskaner auszeichnete gegenüber bemüht ausgewogenen Stellungnahmen. "Befreiungstheologie" - das bedeutete selbstredend sich an Konfliktlinien zu begeben, Konfliktlinien zwischen brasilianischen GroßgrundbesitzerInnen und gerade vertriebenen KleinbäuerInnen, Konfliktlinien zwischen transnationalen Konzernen und GewerkschafterInnen, zwischen einer hierarchisch-bürgerlichen Kirche und einer Kirche auf Seiten der Armen, schließlich Konfliktlinien zwischen einer Sozialismussympathie und dem Antikommunismus der Zeit des Kalten Krieges. Täglich - manchmal mehrmals - hatten die Bildungsreferenten sich in verschiedenen Pfarr- und Gemeindesälen mit der Frage auseinanderzusetzen, ob denn die Anwendung eines marxistischen gesellschaftsanalytischen Instrumentariums zugleich "den Kommunismus" als Ziel bedeute oder ob die pastorale Arbeit auf Seiten der Armen nicht gleichzeitig eine ungerechte Vernachlässigung der "Reichen" sei.
Befreiung bedeutet Veränderung. Befreiung macht Hoffnung. Befreiung beinhaltet eine Vision, einen neuen Horizont, Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit. Und der Begriff "Befreiung" leugnet nicht die Fesseln, von denen es gilt, sich zu befreien oder befreit zu werden. Konfliktlinien werden sichtbar, Macht, Interessen. Ökonomische und gesellschaftliche Theorien sprechen nicht mehr so deutlich davon wie in den 70er-Jahren, aber Armut und Ausgrenzung, die Gegensätze sind krasser geworden. Eine "Neue Weltordnung", der Götze des "Freien Marktes" und die Mär vom "Ende der Geschichte" sind mittlerweile über uns hinweggerollt. Wo der "Kampf der Kulturen" geweissagt wird, geht es immer noch um Öl und Gas, mittlerweile auch um sauberes Wasser.
Theologie der Befreiung verstand sich nie als bloße Theologie. Sie wollte immer die Menschen befähigen, ihre jeweilige Situation zu begreifen - in unseren Worten: die Konfliktlinien zu benennen - und bewusst und offensiv mit diesen umzugehen, in der Sprache der Befreiungstheologie: zum Subjekt der eigenen Geschichte zu werden. Viele Seminare der Bildungsarbeit der Missionszentrale versuchen diesen Aspekt umzusetzen: Menschen befähigen, mit Konfliktlinien umzugehen! Nicht das bloße Wissen über etwas, sondern das Erproben des eigenen Verhaltens und die Entwicklung eigener Strategien ist das Ziel der Seminare. So wie die Theologie der Befreiung Wegbereiterin war für andere emanzipatorische Theologien, die Dalit-Theologie etwa oder die Indigene Theologie, so findet sie in jedem Seminar eine Fortsetzung, wo Menschen zusammen die Analyse ihrer Situation und der Konfliktlinien konfrontieren mit einer Vision von Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit.
Schlüsselthemen und die Chance von Versöhnung
In den 90er-Jahren gab es einen letzten Boom der Anfragen an die Missionszentrale zum Thema "Befreiungstheologie". 1992, als sich die Eroberung Lateinamerikas und der Beginn des Widerstandes 500 mal jährten, war die Position der Franziskaner noch einmal gefragt, nicht in die Jubelfeiern einzustimmen, sondern sich auch eigener Schuld bewusst in den Dialog mit den Opfern dieser 500-jährigen Geschichte zu begeben. "Dialog lernen" war dann auch das Thema, das einige Jahre die Bildungsarbeit der Missionszentrale prägte (Monika Treber… (Hrsg.), Dialog Lernen: Konzepte und Reflexionen aus der Praxis von Nord-Süd-Begegnungen, Frankfurt am Main 1997).
Mitte der 90er-Jahre versuchte die Bildungsarbeit der Missionszentrale, im Thema "Nachhaltige Solidarität" (Christliche Initiative Internationales Lernen (Hrsg.) Ludger Weckel/Ute Wannig, Was brauchen (wir) Menschen? Nachhaltige Solidarität im Internationalen Dialog, IKO-Verlag, Frankfurt am Main 2001 ) die Impulse des "Global Forum" in Rio 1992 in Form der "Agenda 21" zu konfrontieren mit den bestehenden Solidaritätsbrücken zwischen Nord, Süd und Ost. Der jetzt mögliche "Trialog" zwischen Menschen des ehemaligen kommunistischen Machtbereiches, den Ländern des Südens und westeuropäischen Ländern brachte ganz neue Impulse in die entwicklungspolitischen und befreiungstheologischen Seminare.
Die Aufspaltung Jugoslawiens und die damit verbundenen ethnischen Kriege ließen andere Themen relevant werden: "Neue Nachbarschaften" ist das Schwerpunktthema der Bildungsarbeit der Missionszentrale um die Jahrtausendwende. Ein Seminar mit indischen und europäischen Minderheiten bewegt zwei Jahre lang Religionen und Politik im lokalen Kontext. „Neue Nachbarschaften" - freiwillig oder erzwungen, durch Kommunikation oder Mobilität, durch Migration oder den Zerfall von Machtblöcken, durch neu entstehende Grenzen und restriktive Visapolitik, schließlich durch globalen Terrorismus und globale Antworten darauf...
Wohl kein anderes Seminar der Missionszentrale bewegt lokale Bevölkerung so wie dieses Minderheitenseminar: Im Sommer 2000 besucht der indische Franziskaner D. zusammen mit einer Delegation indischer UreinwohnerInnen (Adivasi) ein Dorf in der rumänischen Moldau. (Wolfgang Burggraf, Pater Davis auf Entdeckungsreise - „Minderheiten als Herausforderung für die Mehrheiten“, in: Missionszentrale der Franziskaner e. V. (Hrsg.), missionsdienst, 08/99, S. 9 - 10) Aus Europa sind dabei VertreterInnen tschechischer Roma, deutscher Sorben, italienischer Ladiner - und eben Czangok aus Rumänien. An gerade diesem Tag ist der US-amerikanische Botschafter in Bukarest zusammen mit seiner Frau zu Gast in diesem Dorf. Er interessiert sich für die Situation der Minderheiten in Rumänien, speziell eben der Czangok in der Moldau. Bürgermeister und (katholischer) Pfarrer halten Ansprachen, es gibt Folkloreprogramme mit Liedern und Tänzen. Für sie ist alles in Ordnung. Kein Wort darüber, dass es nicht einmal Einigkeit gibt über die Frage, ob es Csangok überhaupt gibt. Manchmal sind altungarische Wortfetzen zu hören, die dann doch auf diese Minderheit im rumänischen Kernland hindeuten. Gefährlich für die Ideologie des Nationalstaates aus dem vorletzten Jahrhundert.
Die indische Delegation hat einen Vorteil: Einige sprechen Englisch, D. hat Kontakt mit der Frau des Botschafters, während die Ansprachen übersetzt werden. Schnell sind handschriftlich einige Zeilen aufgesetzt, die aus Sicht einer Gruppe von Roma, Ladinern, Sorben, Adivasi und eben Czangok Eindrücke wiedergeben von einem einwöchigen Exposure in diesem Dorf. Das Dossier wird übergeben, der indische Pater schüttelt dem amerikanischen Botschafter die Hand. Neben der Kirche versuchen einige Anhänger des Bürgermeisters die Zündkabel aus dem Auto der Seminargruppe herauszureißen. Es gelingt aber, den Ort zu verlassen, bevor es zu Handgreiflichkeiten kommt.
Neue Nachbarschaften - geschichtliche Wahrheit und scheinbare Objektivität sind Schlüsselthemen in allen ethnischen Auseinandersetzungen. Im Auto gibt es eine lebhafte Diskussion mit dem Übersetzer. Er selbst stammt aus dieser Gegend, holt eine Landkarte mit Ortsnamen hervor, ungarisch und rumänisch, versucht sprachgeschichtlich nachzuweisen, dass ... Die internationalen SeminarteilnehmerInnen sind längst ausgestiegen aus diesen spitzfindigen Argumentationen. Was aber allen klargeworden ist an diesem Tag: Jede Gruppe versucht sich auf geschichtliche Wahrheit zu beziehen, Wahrheit wird zur Waffe. Und so unlogisch es klingen mag, es gibt tatsächlich mehrere Wahrheiten zu einer Frage. Wieder eine unlösbare Situation, wieder bleiben Anschauungen unversöhnlich neben- und gegeneinander stehen.
Hat Bildungsarbeit da überhaupt eine Chance, für Versöhnung zu werben, Menschen zueinanderzubringen und oft jahrhundertealte Vorbehalte zu durchbrechen? Immer wieder nein, und dann überraschend: doch!
Solidaritätswerkstatt 1997 in Brasilien, Auswertungswoche. Die europäische Gruppe hatte viel kennengelernt von der Situation brasilianischer Basisbewegungen, der Not und dem Kampf des Volkes. Die "europäische Gruppe" - Deutsche und RumänInnen, UngarInnen und ÖsterreicherInnen. Die RumänInnen: drei mit Muttersprache Rumänisch, eine mit ungarischer Muttersprache. Ein Jahr lang hatte der ethnische Konflikt zwischen diesen vier Personen unterschwellig geschwelt, Beleidigungen und Anfeindungen kamen immer wieder vor. Jetzt, in der vierten Woche in Brasilien, war es nicht mehr auszuhalten. Eine schwierige Situation in der europäischen Gruppe, Tränen, Eingeständnisse des Verletzt-Seins. Endlich war der ideologische Panzer der jeweiligen Wahrheiten durchbrochen. Schmerzen und Verletzungen zu zeigen, das war die erste Gemeinsamkeit zwischen diesen Personen. Eine Gemeinsamkeit, auf der neu Beziehungen entstehen können, jenseits der überlieferten und tradierten Positionen. Extra nach Brasilien fliegen, damit RumänInnen unterschiedlicher Ethnien aufeinander zugehen können? Zumindest in dieser Situation hat es sich gelohnt.
Solidarkompetenz
Solidarkompetenz geht davon aus, dass wirksame Solidarität neben der Motivation auch Reflexion und Integration in die eigene Persönlichkeit braucht, um unter den Bedingungen der Globalisierung neben dem Bewusstsein eigener politischer Korrektnes auch tatsächliche Verschiebungen der Machtsituation zugunsten der Ausgeschlossenen zu bewirken. Für die Bildungs- und Bewußtseinsarbeit der Missionszentrale, die als Grundoption die Perspektive der Verbesserung der Situation der Ausgeschlossenen einnimmt, bedeutet das, politische, entwicklungspädagogische, pastorale und persönlichkeitsbildende Konzepte und Methoden zu entwickeln, die sich daran messen lassen, inwieweit sie sowohl Betroffene als auch diejenigen, die das Privilleg besitzen, über ihren Lebensstil und ihr Handeln zu entscheiden, in eine bewegliche Situation des gegenseitigen Aushandelns von Bedürfnissen und Interessen bringen. Nun wäre es zynisch, den Begriff der "Befreiung" durch den des "Gegenseitigen Aushandelns" ersetzen zu wollen, nehmen wir die weltweiten und jeweils nationalen Machtkonstellationen ernst. Doch muß nicht gerade im Hinblick auf die Uneinnehmbarkeit der Festungen der Macht Solidaritätsarbeit heißen, für die eigenen (existenziellen) Bedürfnisse und Interessen zu werben, Verbündete zu gewinnen und andererseits gerade ebendiese Festungen der Macht aufzuweichen, indem Kategorien der Menschlichkeit, Universalität und Gotteskindschaft in Gemeinschaft erlebt werden?
Solidarkompetenz entfaltet sich persönlich und politisch, spirituell, professionell und ökonomisch. Mit Sicherheit spalten sich in diesem Augenblick die LeserInnen dieser Gedanken in solche, die eine derartige Methodenreflexion angesichts existenzieller Not und "wirklicher" Hilfe für überflüssig halten, und solche, die sie äußerst spannend finden, weil manch eigene Erfahrung sich darin wiederfindet. Die Arbeit an Solidarkompetenz bedeutet nun nicht, diese Frage zu entscheiden, was richtig oder wichtiger ist. Solidarkompetenz bedeutet, die jeweils an dere Seite mitdenken zu können und gelten lassen zu können, dass es (mindestens) zwei Zugangsweisen gibt.
Letztlich ist die Motivation der Missionszentrale, an der Frage der Solidarkompetenz zu arbeiten, eine politische. Es ist die Frage, wie die Machtkonstellation effektiv zugunsten der Ausgeschlossenen verschoben werden kann. Und dies erfordert Menschen in allen Kontexten, im Süden, wie im Osten und Norden, die die eigene Zerrissenheit immer wieder erfahren haben und den Ärger und die Wut über die andere Perspektive, die aber fähig sind, diese Differenz nicht zum Abbruch von Beziehung zu gebrauchen, sondern als Zugang zur Anderen mit dem so anderen Erleben. Differenz als Methode der Annäherung und des Werbens für die eigene Vision. In einem Training zur Solidarkompetenz taugt es nicht, Gäste aus dem Süden (oder andersherum aus dem Norden oder Osten) mit der jeweils anderen Sicht der Dinge zu verschonen, nein, es ist sogar eine Didaktik der Konfrontation (Ute Wannig, „Wir müßten eine Pädagogik der Konfrontation entwickeln“ - am Rande des KAIROS-Treffens in Straßburg im Juni 1992, in: Christliche Initiative Zentrum für Internationales Lernen (Hrsg.), the Dialogue, 6. Jahrgang (1994) Nr. 1, S. 2 - 12) notwendig, um den Umgang mit Differenz alltäglich werden zu lassen und darin die Fähigkeit zum Bündnis zu schulen. Die politische Dimension von Solidarität - ideologisch abgespeckt und auf das Notwendige reduziert - ist das Bündnis. Und Bündnisse haben direkt mit der Machtfrage zu tun.
| |
Die Bildungs- und Bewußtseinsarbeit der Missionszentrale in internationalen Werkstätten ist in diesem Sinne eine Arbeit der kleinen Schritte. Kompetenz ist keine heldenhafte Tugend, sondern erlernbar und - das ist besonders wichtig - beschreibbar und vermittelbar (Albert Biesinger… (Hrsg.), Solidarität als interkultureller Lernprozess (Tübinger Perspektiven zur Pastoraltheologie und Religionspädagogik), Tübingen 2005). Dies bedeutet aber nicht, dass Solidarkompetenz nicht auf die großen Visionen von Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit als Antriebsfeder angewiesen wäre. Ohne diese Visionen, vorwegnehmend immer wieder erzählt und gefeiert, wäre Solidarkompetenz in der Gefahr, zu einer technokratischen Kategorie zu werden.






