Haiti
Überleben in den Zeiten der Cholera
Mittwoch, 3. November
In den Gassen, die keine Namen tragen
Ich bin in der Altstadt von Port-au-Prince, in der 'No go-Zone' der UNO. Hier herrschen so viel Kriminalität und Drogenhandel, dass es selbst den UNO-Soldaten zu gefährlich ist. Wir fahren zum Konvent San Alejandro, der sich etwa einen Kilometer entfernt vom eingestürzten Nationalpalast befindet. In der Nähe des Konventes ist auch der Friedhof mit dem Massengrab, in das nach dem Erdbeben Lkw-Ladungen voller Leichen entladen wurden. Wir sind unterwegs durch die Gassen, die keine Namen tragen. Hier wohnen die Ärmsten der Armen. Diese Gassen gab es schon lange vor dem großen Beben. Auch die Armut gab es, jetzt ist bloß alles noch schlimmer geworden. Es ist beängstigender und ärmer hier, als ich es je in Afrika gesehen habe.
Donnerstag, 4. November
Der zerstörte Konvent
Im alten Jeep der Brüder fahren Jean Luis OFM, Dempsey Loarca OFM und ich zur Pfarrei in Croix de Mission. Auch hier ist alles wie im Januar nach dem Erdbeben. Überall Risse und halb eingestürzte Räume. Die Brüder leben in dem Teil des Konventes, der noch einigermaßen erhalten ist. Der Glockenturm wird mit Hilfe der Gemeinde und der Franziskaner wieder aufgebaut. Von der Erzdiözese sind die Brüder enttäuscht. Bis jetzt ist nicht mal eine Kommission der Diözese vorbeigekommen, um das Haus und die Kirche zu begutachten, geschweige denn zu reparieren. Es regnet heftig, und der Hurrikan 'Thomas' ist für zwei Uhr nachts angekündigt. Viele Vorkehrungen können wir nicht treffen, da schon alles kaputt ist. Glücklicherweise streift der Sturm Port-au-Prince nur.
Freitag, 5. November
'Waffen verboten'
Der Regen lässt nach, und ich fahre mit Bruder Dempsey in die Innenstadt von Port-au-Prince. In Cité Soleil, dem gefährlichsten Stadtteil, haben sich die aus den zerstörten Gefängnissen ausgebrochenen Häftlinge niedergelassen. Es ist gespenstisch, die Häuser sind kaum bewohnbar, überall befinden sich Zeltstädte. Auch fast zehn Monate nach dem Beben sieht es aus wie kurz nach einem Krieg. Über eine Million Menschen leben im Dauergestank der Armut unter Plastikplanen. Die hygienischen Zustände sind katastrophal. Die Fahrt ist gefährlich – vor allem mit Kamera. Ich fühle mich beobachtet und warte nur darauf, dass jemand mir die Kamera entreißt. Viele Haitianer haben sich mit Revolvern bewaffnet. Vor Kirchen, sozialen Einrichtungen und Supermärkten stehen Schilder – 'Waffen verboten'. Ich frage mich, wie lange die Menschen noch in Zeltstädten leben sollen. Wer soll die kaputten Häuser wieder aufbauen? Die Regierung macht so gut wie nichts. Bruder Dempsey erzählt, erst kam die Nothilfe, dann die ersten Aufräumarbeiten und nun die Hoffnungslosigkeit. Es fehlt an einem Plan der Regierung, die Stadt wieder aufzubauen. Aber auch die internationalen Pläne zum Wiederaufbau liegen brach.
Die Verbrecher von morgen
Der Konvent San Alejandro befindet sich in der Altstadt. Vom Dach aus sehe ich dort, wo früher das kleine Theater stand, eine Zeltstadt. Im Konvent ist das Postulat untergebracht. Die Brüder haben sieben Straßenkinder aufgenommen. Die Jungs kamen dünn, mit Malaria und Würmern zu den Franziskanern. Ich lerne Donaldson kennen, er musste mit ansehen, wie sein Vater erschossen wurde: ein lieber, intelligenter Junge. Er muss sich in der rauen Welt der Gangs herumschlagen und ist doch ein Kind, das weint, weil es ohne den verlorenen Gürtel nicht in die Schule gehen will. Wenn man sich nicht um diese Kinder kümmert, sind sie die Verbrecher von morgen.
Samstag, 6. November
Kanaa – das verheißene Land
Mit Raymond Mailhiot OFM besuche ich Kanaa, das verheißene Land. Auf diesem Landstrich außerhalb der Stadt haben sich viele Opfer des Erdbebens angesiedelt. Die Theologie- und Philosophiestudenten arbeiten zusammen mit Bruder Raymond daran, die Menschen zu organisieren. Vorerst in Pastoralgruppen, die später auch soziale Aufgaben übernehmen sollen. Es fehlt vor allem an Toiletten. Die Leute verrichten ihr Geschäft, indem sie ein Löchlein graben und es danach wieder zuschütten. Die MZF ist gebeten worden, mit einem Projekt zum Bau von Toiletten zu helfen, vor allem da die Cholera vor der Tür steht.

