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Störenfried

Der Hungerstreik des brasilianischen Franziskanerbischofs Luiz Flavio Cappio zusammen mit mit den Sozialbewegungen Brasiliens zeigt eine beachtliche Wirkung. Im Februar 2008 debattiert der Senat im Kongress einen ganzen Tag lang erstmals mit Cappio, mit Ministern und Wissenschaftlern. Man streitet über Konsequenzen des gigantischen Flussumleitungsprojekts am Rio Sao Francisco, das 2007 von der Armee in Angriff genommen worden war. Vor Weihnachten 2007 hatte Bischof Cappio durch diesen 24-tägigen prophetischen Gestus gegen das umstrittene Projekt weltweit Aufsehen erregt.

 

Als Bischof Cappio nach dem ersten Hungerstreik 2005 in den Präsidenten-palast vorgelassen wird, sagt er Lula klare Franziskaner-Worte: "Senhor, ich habe mitgekämpft, damit Sie Präsident werden. Doch Sie haben ihre und jene Volkes Wurzeln vergessen, das Sie gewählt hat. Senhor Lula, heute sind Sie Geisel des Kapitals, großer in- und ausländischer Wirtschaftsgruppen."

 

Der so redet und handelt, ist zweifellos ein kenntnisreicher Störenfried. Bei seiner Wallfahrt 1992 den Rio Sao Francisco entlang - immerhin fast 2800 km - wird ihm der Strom zum Symbol für einen Planeten mit vergifteten Flüssen, verwüsteten Wäldern, ohne Biodiversität, dominiert von Monokulturen, besetzt von einer unsagbar reichen, ausbeuterischen, technokratischen und der Zukunft der Mutter Erde gegenüber gleichgültigen Elite. Über neunzig Prozent des Wassers seien für Industrie und Exportlandwirtschaft bestimmt, nur fünf Prozent für bedürftige Menschen. Deren Wasserprobleme würden bei weitem nicht gelöst. Dies könnten weit billigere Alternativprojekte leisten.

 

Das Vorbild für Bischof Cappio: Franz von Assisi, der sich Anfang des 13. Jahrhunderts mit den Opfern der entstehenden Industrie solidarisierte. Fran-ziskus entledigte sich auf dem Platz von Assisi seiner Kleider. Die Technik, mit der sein Vater diese Tücher produzieren ließ, brachte Kunsthandwerker um ihre Arbeit und ihr Einkommen und verdammte sie damit ins Elend.

 

Wir publizieren dieses Heft mit Briefen und Texten von Bischof Cappio, mit Deutungen von Weggefährten und Theologen. Das tun wir, um sein prophetisches Engagement zu stützen, aber auch um Opfer der Verhältnisse willen, denen dieser prophetische Gestus gilt, und in der franziska-nischen Tradition, die heute wieder Menschen zu mobilisieren vermag.

 

 Grüne Reihe 103: Störenfried

Neues Pfingsten oder alte Gleise?

Die V. Generalversammlung von Bischhöfen aus Lateinamerika und der Karibik, vom 13. bis 31 Mai in den brasilianischen Wallfahrtsort Aparecida einberufen, hat die Hoffnung auf ein neues Pfingsten wieder erweckt.

 

Unter dem Leitwort  "Jünger und Missionare Jesu Christi, damit unsere Völker in ihm das Leben haben" bekennt sich die lateinamerikanische Kirche in Aparecida zu ihrer Eigenständigkeit im vielgestaltigen Prozess der Weltkirche. Sie entdeckt, dass das Leitwort nicht nur ein gutes Thema für eine bedeutsame Konferenz darstellt, sondern die Quintessenz des Evangeliums ausmacht. Kurzum Aparecida - als Dokument und Ereignis - verweist darauf, dass der Geist des Evangeliums Jesu die heutigen kulturellen Herausforderungen und politischen Konstellationen durchwehen soll, "damit unsere Völker in ihm das Leben haben".

 

Mit dem vorliegenden Heft wollen wir "den Text" von Aparecida kommentierend begleiten. Den Text von Aparecida bildet eben nicht nur das aus 554 Abschnitten zusammengesetzte Schlussdokument, das die Versammlung am 31. Mai verabschiedete und das in Kürze in deutscher Übersetzung zur Verfügung stehen wird. "Der Text von Aparecida" besteht aus dem gesamten Ereignis, angefangen von der kontinentweiten Vorbereitung in Gemeinden, Diözesen und Organisationen über den Papstbesuch zur Eröffnung der Generalversammlung, die eigene Dynamik des Wallfahrtsortes Aparecida bis zu den Konflikten um die Manipulation des verabschiedeten Schlussdokumentes und die Auswirkung von Aparecida auf die Gemeinden und Teilkirchen.

 

Grüne Reihe 102: Neues Pfingsten oder alte Gleise? 

Clara - Elisabeth - Agnes

Die innere Stimme der Wahrheit zu hören- statt sich dem Diktat der Vernunft zu beugen; mutig die eigenen Anliegen zu vertreten, ohne vor inneren und äußeren Schwierigkeiten zurückzuschrecken; in der Einheit von Gottes- und Menschenliebe die Zeichen der Zeit zu erkennen und an Gottes Reich mitzuwirken, in dem jede und jeder Platz haben- mit solchen Haltungen haben Clara, Elisabeth und Agnes Geschichte geschrieben. Davon ist in diesem Heft die Rede.

 

Die drei franziskanisch gesinnten Frauen geben uns immer noch zu denken. Wir sind den Autorinnen und Autoren des Heftes dankbar, dass sie uns dabei im 800. Gedenkjahr der Geburt von Elisabeth behilflich sind. Ihr Vorbild klingt auch noch in dem Lied nach, das amerikanische Textilarbeiterinnen bei Ihrem Streik im Jahr 1912 anstimmten:

 

Wenn wir zusammen gehn, kommt mit uns ein bessrer Tag.

Die Menschen die sich wehren, wehren aller Menschen Plag.

Zu Ende sei, dass kleine Leute schuften für die Großen!

Her mit dem ganzen Leben: Brot und Rosen! 

 

Grüne Reihe Nr. 101: Clara - Elisabeth - Agnes - Franziskanische Frauen schreiben Geschichte